Freitag , 24. November 2017
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Baselworld 2018: von ehemals 1200 auf 600 Aussteller, die Aussteller Anzahl hat sich halbiert, die Reputation leidet schon lange

Baselworld: Der langsame Untergang einer Institution

Fünfzig Prozent weniger Aussteller, drei Hallen geschlossen und zwei Tage weniger, sowie zehn Prozent Rabatt für die verbleibenden Aussteller so sieht die unfreiwillig verordnete Schlankheitskur für die Baselworld Ausgabe 2018 aus. Für mich persönlich wird es die 42. Ausgabe sein.

Die Baselworld war 100 Jahre das Flagship der Schweizerischen Uhren-und Schmuck-Industrie. Missmangement, Grössenwahn und Gier sowie falsche Strategien der inkompetenten Aussteller-Komitees bringen die international bekannte Marke Baselworld ins Wanken. Da nützen auch die 3000 „bezahlten“ eingeflogenen internationalen Medienvertreter nichts mehr, zuvorderst die deutsche Uhren-Journaille, die alles Auftrags und Vertraglich der Baselworld schön schreiben, eines Tages kommt immer die Wahrheit zu Tage, wie es sich hier zeigt.

Wie stark sich der einstige Goldesel der MCH Group in ein Sorgenkind verwandelt hat, offenbaren in aller Deutlichkeit die Aussagen von Messesprecher Christian Jecker, welcher die eingeleiteten Massnahmen begründete. Der Kommunikationsprofi strich im Gespräch mit TICK-TALK zwar zuerst die positiven Aspekte heraus, was sich aber wie Durchhalteparolen anhörte: «Es ist richtig, dass wir uns wesentlich verkleinern, aber wir sind noch immer die grösste Uhren- und Schmuckmesse der Welt. Alle Topaussteller der letzten Jahre in den Segmenten Uhren, Schmuck und Edelsteine werden 2018 wieder nach Basel kommen.»

Bei den Marken, die Basel den Rücken gekehrt hätten – besonders die Abkehr von Dior hatte für Aufsehen gesorgt –, handle es sich nicht um klassische Uhrenhersteller, sondern mehrheitlich um sogenannte «Fashion Brands», die sich anders ausrichten würden.

Keine Erfolgsgarantie

Jecker machte kein Geheimnis daraus, dass das Management nicht genau weiss respektive abschätzen kann, wie auf die Veränderungen am Markt reagiert werden soll. Ein gewaltiger Umbruch sei im Gang – man sehe sich mit neuen Technologien, geändertem Kundenverhalten und anderen Vertriebsstrukturen konfrontiert. Auf die Frage, ob man diesen Wandel nicht früher hätte erkennen müssen, sagte der Messesprecher: «Im Nachhinein ist man immer klüger. Wir haben im Sommer/Herbst 2015 festgestellt, dass vieles in Bewegung kommt. Seither haben wir uns überlegt, wie es weitergehen könnte. Solche Prozesse, in die auch grosse Firmen involviert sind, gehen aber nicht so schnell voran.» Die Umwälzungen seien schneller und radikaler eingetroffen als erwartet.

Den Entscheid, die Baselworld in ihrer Dimension massiv zu reduzieren, sei abgesprochen, sagte Jecker weiter. Man richte sich auf die Qualität aus. «Dies geschieht auf ausdrücklichen Wunsch der führenden Aussteller. Die Alternative wäre gewesen, auf die breite Masse zu setzen. Dann aber hätten wir die Ansprüche der wichtigsten Kunden nicht zufriedenstellen können.»

Ob die angeschlagene Messe mit der Neuausrichtung zurück auf die Erfolgsspur findet, ist nicht garantiert. «Wir wissen im Moment nicht genau, wie die Zukunft aussieht, die Veränderungen am Markt sind noch im Gange. Es ist schwierig zu sagen, wo wir in drei oder fünf Jahren stehen werden.»

Immerhin, wobei auch dies angesichts der erfolgreichen Vergangenheit unfassbar klingt: Jecker geht davon aus, dass die Baselworld in fünf Jahren noch existiert. «Davon bin ich überzeugt, dass es sie dann noch gibt. Oder eine Nachfolgerin der Baselworld, die in einem völlig anderen Konzept daherkommt.»

Die Schrumpfkur wird von Swatch-Chef Nick Hayek (63) begrüsst. Weniger Aussteller bedeute, dass man während der Messe vielleicht auch wieder zu einem anständigen Preis ein Hotelzimmer in Basel finde, sagt er zur «TICK-TALK».

Auch gut findet er, dass die Messe kürzer wird. So seien die Händler rascher wieder draussen im Markt am Verkaufen. Denn fürs Geschäft braucht Swatch laut Hayek längst keine Messe mehr. Schliesslich habe der Konzern in den meisten Ländern Filialen und damit direkten Kontakt mit Händlern vor Ort.

Unbekannte Hersteller kommen kaum noch

Braucht es die Baselworld dann überhaupt noch? Der Swatch-Chef findet die Messe vor allem aus Traditionsgründen wertvoll. Für die hiesige Branche sei es zudem ein wichtiges Signal, dass die grösste Uhrenmesse der Welt in der Schweiz stattfinde. Die Swatch-Group ist der grösste Aussteller der Baselworld.

Eine kleinere Baselworld hat noch andere Vorteile: Es gibt eine Konzentration auf die wichtigen Marken. Fern bleiben vor allem Uhrenhersteller, von denen das Publikum ohnehin kaum je gehört hat. Oder Modemarken wie Dior, die von Dritten hergestellte Uhren als eines von vielen Accessoires führen.

Karl-Friedrich Scheufele, Co-Präsident von Chopard meint: „Die Baselworld 2018 wird kohärenter und fokussierter sein. Ich freue mich auf 2018 und ich denke, das Management der Baselworld hat die richtigen Entscheidungen getroffen, um eine Veränderung in Gang zu setzen“.

Eric Bertrand, Präsident des Ausstellerkomitees der Baselworld, ergänzt: „Ich glaube, dass dies erste Schritte in eine sehr zukunftsweisende Richtung sind.“

Und François Thiébaud, Präsident des Schweizer Ausstellerkomitees, konstatiert: „Für die Schweizer Aussteller ist dies positiv. Wir konzentrieren uns auf den Kern dessen, was unsere Industrie ausmacht.“

„Baselworld-Barbie“ und Messeleiterin Silvie Ritter, die eigentlich die volle Verantwortung für dieses Desaster trägt und die eigentlich den Rücktritt einreichen sollte, meinte lapidar zur Situation, «Wir wollen nicht möglichst viele, sondern die richtigen Aussteller», so etwas sagt man, wenn alle Aussteller davonlaufen. Zudem haben die Aussteller-Komitees das Sagen und bestimmen wohin die Reise geht. Es wird eine Odyssee ohne Ziel.

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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