Dienstag , 25. April 2017
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Favre-Leuba: Erneuter Versuch einer Reanimation

Kann man eigentlich Tote reanimieren? Nach zwei misslungenen Versuchen will es neu Tom Morf  versuchen, die 1737 in Le Locle im Kanton Neuenburg gegründete Marke, die zu den Pionieren der Schweizer Uhrenindustrie zählt, wieder Ende diesen Jahres mit einem Team von Spezialisten, auf den Markt bringen.

Ich kann mich noch erinnern, als ob es gestern war, vor einigen Jahren wurde ich während der Baselworld zu einer feudalen Villa in Basel chauffiert, nur das Feinste war gut genug, Champagner und Kaviar für die Gäste, der Rahmen war Frankophil, der Luxusgigant LVMH war der Hausherr, Grund war die erneute Lancierung von Favre-Leuba. «Viele Asiaten haben noch keine Schweizer Uhr, aber träumen davon, eine zu besitzen», sagt Clement Brunet-Moret, früherer CEO der Schweizer Luxusmarke Favre-Leuba, der heute in Hongkong lebt. Die damals vorgestellten Produkte konnten sich sehen lassen, das Problem war wie immer, das unfähige Management, das die Aufgabe hatte, die Produkte in die richtigen Verkaufs-Kanäle zu bringen. Nach kurzer Zeit war alles wieder auf level zero. Zuvor war die Marke in der Hand der Benedom SA.

Am 16. November 2011 übernahm die Titan Company Limited, eine Tochtergesellschaft der TATA Gruppe, die ehrwürdige Traditionsmarke Favre-Leuba und verlegte deren Hauptsitz nach Zug. Ich persönlich kenne Ratna Tata von meinen Indien-Aufenthalten, das letzte Mal habe ich ihn am Davoser Wirtschaftssymposium getroffen.

Dass durch den häufigen Besitzerwechsel das Markenprofil verwässert wurde, ist schade. Denn die Marke hat grosses Potential. Dazu muss man in die Geschichte der Marke einsteigen.

Der Kalender zeigte den 13. März 1737, als die Werkstatt des Uhrmachers Abraham Favre erstmals offiziell im schweizerischen Le Locle registriert wurde. Seine uhrmacherische Passion übertrug er auf seinen Sohn, der ebenfalls den Namen Abraham trug. Dieser perfektionierte seines Vaters Kunst und legte so den Grundstein für ein Unternehmen, das heute weltweite Bekanntheit geniesst. Zusammen mit seinen beiden Söhnen Frédéric und Henry-Louis sowie in Kooperation mit Abraham-Louis Breguet gründete er 1792 das Unternehmen A. Favre & Fils. Von Beginn an konzentrierte sich Abraham Favre darauf, die in seinen Uhren verwendete Technik, ihre Funktionstüchtigkeit bei unterschiedlichen Temperaturen sowie die eingesetzten Materialien laufend zu verbessern, um dadurch immer zuverlässigere und präzisere Zeitmesser zu fertigen.

Unter Henry-Auguste, Frédéric Favres Sohn und damit die vierte Generation der Familie, fusionierte das Unternehmen im Jahre 1815 mit dem Uhrenhandel von Auguste Leuba aus Buttes im Val-de-Travers. Der Patron reiste um die Welt – von Deutschland nach Russland, über die Karibik nach New York bis nach Brasilien und Chile – und expandierte mit der neu gegründeten «Manufacture d’Horlogerie Favre-Leuba» in ferne Märkte. Schon früh war es sein Ziel, Uhren zu entwickeln, die bei allen klimatischen Bedingungen zuverlässig funktionieren.

Fritz Favre, der Adele-Fanny Leuba ehelichte, erwies sich als würdiger Nachfolger seines Vaters und lancierte seine Uhrenmarke erfolgreich in vielen weiteren Ländern in Europa, Amerika und Asien. An nationalen und internationalen Ausstellungen gewann er zahlreiche Auszeichnungen für die Zeitmesser aus den eigenen Ateliers. 1865 und 1867 bereiste er auch Indien und lancierte als erster Schweizer Uhrenhersteller seine Marke auf dem Subkontinent, der sich schnell zu einem wichtigen Absatzmarkt für Favre-Leuba entwickeln sollte. Seine Kinder – bereits die sechste Generation im Unternehmen – bauten die Marke weiter auf, insbesondere in Europa, das schwierige Zeiten durchzustehen hatte.

Auch die siebte Favre-Generation – unter der Leitung von Henry A. Favre – sorgte dafür, dass sich die weltweite Expansion von Favre-Leuba fortsetzte und dass die bereits lange Reihe herausragender Uhrenmodelle der Marke – heute Ikonen der Zeitmessung – nicht abriss. 1955 entwickelte Favre-Leuba mit dem FL101 das erste eigene Manufakturwerk, zwei Jahre später folgten die Automatikkaliber FL103 und FL104.

Von 1960 bis 1968 erlebte Favre-Leuba eine goldene Ära: Das Kaliber FL251 von 1962 verfügte über ein doppeltes Federhaus, eine Zentralsekunde sowie eine Gangreserve von 50 Stunden. 1962 präsentierte die Marke mit der Bivouac die erste mechanische Uhr mit Höhenmesser und Aneroidbarometer. Dieser Zeitmesser begleitete unter anderem Paul-Emile Victor bei seiner Antarktis-Expedition, während der Genfer Bergführer Michel Vaucher und der italienische Alpinist Walter Bonatti ihn bei der Besteigung der Grandes Jorasses benutzten.

1964 lancierte die Marke mit der Deep Blue eine der ersten Taucheruhren. Diese war bis zu einer Tiefe von 200 m wasserdicht. Das gleiche Team konstruierte 1968 auch die berühmte Bathy 50, die erste mechanische Uhr, die nicht nur die Tauchzeit, sondern dank einem Druckmesser auch die aktuelle Tauchtiefe anzeigte.

Ein weiterer Meilenstein war 1968 die Entwicklung der Twinmatic- und Duomatic-Modellen, die sich durch ein Werk mit doppeltem Federhaus und eine Unruhfrequenz von 36’000 a/h auszeichnete. Damit wies sie eine Präzision auf, die zu dieser Zeit nur wenige Uhren zu erreichen vermochten.

In dieser Epoche fertigte Favre-Leuba in den drei eigenen Werkstätten über 650’000 Uhren pro Jahr, darunter auch Zeitmesser für bekannte Marken wie Christian Dior. Zudem arbeitete das Unternehmen auch eng mit Uhrenherstellern wie Girard Perregaux zusammen.

Florian A. Favre und Eric A. Favre, Söhne von Henry A. Favre, führten zusammen mit Frédéric A. Favre, Enkel von Fritz Auguste Favre, als achte Generation die Geschicke der Traditionsmarke Favre-Leuba. Wie ihre Vorgänger legten sie besonderen Wert auf den Erhalt des Pioniergeists der Marke sowie auf Kreativität und Innovation bei der Entwicklung neuer Uhren. Die Einführung günstiger Quarzwerke 1969 stürzte die Schweizer Uhrenindustrie jedoch in eine schwere Krise, die auch vor den Toren der Werkstätten von Favre-Leuba nicht Halt machte.

Der eingangs erwähnte häufige Besitzerwechsel hindert den neuen Inhaber, die Titan Company Ltd., eine Tochtergesellschaft der erfolgreichen indischen Tata Gruppe, nicht an das Potential der Marke zu glauben.

Tom Morf, die Funktion, die er heute bei Favre-Leuba innehat, ist unklar
Tom Morf, die Funktion, die er heute bei Favre-Leuba innehat, ist unklar

An der Baselworld 2016, die offiziell in drei Tagen beginnt, will Tom Morf (Ex-CEO von Carl F. Bucherer, Ex-CEO von Hanhart, Berater von Kienzle, die er alle im Zwist verlassen hatte) in homöopathischen Dosen die Medien – die teutonische Uhren-Journaille darf nicht fehlen – individuell informieren.

Fortsetzung folgt!

 

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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