Sonntag , 20. August 2017
Home / Allgemein / Griechen legen Geld in Schweizer Uhren an

Griechen legen Geld in Schweizer Uhren an

Die Uhrenindustrie profitiert von Griechenlands Krise – im Gegensatz zu anderen Schweizer Exportbranchen.

Jean Daniel Pasche_FHS PräsidentDie steigende Verunsicherung in Griechenland in den vergangenen Wochen hat eine überraschende Kehrseite: Die Verkäufe von Schweizer Uhren ins kriselnde Land wurden trotz Wirtschaftskrise angekurbelt. Von Januar bis Mai 2015 verbuchte die Schweizerische Uhrenindustrie laut Verbandspräsident Jean-Daniel Pasche eine Exportsteigerung von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 40,4 Millionen Franken. Der Effekt war schon im Jahr 2014 zu beobachten. Damals erreichten die Exporte nach Griechenland einen Wert von 91,1 Millionen Franken – 13,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch 2012 hatten die Verkäufe zugelegt.

Ein Ende des Verkaufsbooms ist derzeit nicht absehbar. «Bis jetzt laufen die Exporte noch positiv», stellt Pasche fest. Griechenland steht als Absatzmarkt für die Schweizer Uhrenindustrie auf dem 28. Platz, gleich hinter Indien und Malaysia.

«Flucht der Juweliere in Sachwerte»

Nikolaos AggelidakisDer kleine Uhrenboom kommt auch für Nikolaos Aggelidakis, Präsident der Schweizerisch-Griechischen Handelskammer, überraschend. «Griechische Verbandsvertreter berichten von sinkenden Uhrenverkäufen im Land», sagt er. Er vermutet deshalb, dass es die Juweliere selbst sind, die ihre Geldreserven in sicheren Sachwerten – wertbeständigen Schweizer Uhren – anlegen. Oder gehen die Uhren im Tausch gegen Schwarzgeld über den Ladentisch? «Kaum», meint Aggelidakis. Wer etwas Schwarzgeld beiseitegelegt habe, kaufe jetzt keine Uhr. Vielmehr brauche er solche Mittel dringend, um die täglichen Ausgaben zu decken. Kleinunternehmer sicherten damit das Überleben ihres Geschäfts. Wer hingegen wirklich gut bei Kasse sei, fliege nach Dubai und kaufe dort Luxusgüter viel günstiger, ohne griechische Luxussteuer und hohe Mehrwertsteuersätze.

Schweizer Exporte gesamthaft abgesackt

In der Schweizer Wirtschaft ist der Exportboom der Uhrenindustrie die Ausnahme. Andere Branchen verzeichnen kräftige Rückgänge ihrer Verkäufe nach Griechenland. Gesamthaft sackten die Ausfuhren von Januar bis Mai 2015 laut den Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung um 11 Prozent ab. Schon die sechs Jahre zuvor lagen sie stets im Minus. Nach 1,7 Milliarden Franken im Jahr 2008 erreichten die Exporte 2014 nur noch einen Wert von 894 Millionen Franken.

Umgekehrt importierte die Schweiz aus Griechenland Olivenöl, Fetakäse, Wein und andere Güter im Wert von 154 Millionen Franken. Solche Geschäfte laufen laut Aggelidakis von der Krise weitgehend unbehelligt weiter: «Wir mussten keine Engpässe oder Lieferprobleme feststellen, jeder Auftrag, der aus dem Ausland kommt, wird mit Handkuss angenommen und umgehend erledigt.»

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.