Montag , 26. Juni 2017
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Enrico Barbasini, Karl Heinz Nuber, Michel Neves, beide Fabrique du Temps LOUIS VUITTON

Hamdi Chatti: Zeitreise mit Louis Vuitton

Betritt man den schlicht gehaltenen Neubau in Meyrin bei Genf, fällt zunächst die gewundene Stiege auf, die einer Unruhspirale nachempfunden ist. Mit der „Fabrique du Temps Louis Vuitton“, die 2014 in Genf eröffnete wurde, möchte die Luxusmarke Louis Vuitton auch in der Haute Horlogerie ganz vorn mitspielen. Tourbillon sprach mit dem Vice-President Hamdi Chatti.

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Hamdi Chatti, CEO Fabrique du temps Louis Vuitton und der Eingangsbereich

Louis Vuitton ist bekannt für Luxusreisegepäck, das ist die Kernkompetenz der Marke. Für Uhren besass Louis Vuitton bisher keine Kompetenz und keine Reputation. Warum soll ein Kunde eine Uhr von Louis Vuitton kaufen?

Dies ist der falsche Ansatz, der Louis Vuitton Kunde besucht unsere Boutiquen nicht um Uhren zu kaufen, er interessiert sich für Lederwaren, Pret-à-porter-Mode, Schuhe und Schmuck, für welche Louis Vuitton weltweit bekannt ist.

Wenn der Louis Vuitton Kunde keine Uhren in der Boutique sucht, weshalb haben Sie eine Uhrenabteilung für Louis Vuitton aufgebaut?

Die Aufgabenstellung hat mich gereizt, aus einem klassischen „Fashion Brand“ einen ernsthaften „Watch Brand“ – kein sideline extension – zu machen. Wir wollen authentische Uhren im Louis Vuitton Kerngeschäft Traveling und Americas Cup mit grossem Respekt vor der Haute Horlogerie herstellen. Wir überraschen mit unseren Uhren durch das Design und durch die Mechanik.

Sie sind seit 2010 für die Uhren- und Schmuck-Linien der Luxusmarke Louis Vuitton verantwortlich. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

In der Vergangenheit wurde ich immer von Uhrenfirmen engagiert, um diese Firmen profitabler zu machen. Die Herausforderung bei Louis Vuitton war eine völlig andere, in einer „Nicht Uhren Firma“ eine Uhren Firma zu integrieren.

(Anmerkung der Redaktion: den ersten Ausflug in die Uhrenszene hatte Louis Vuitton bereits schon 1989 mit der sogenannten „Reiseuhr“ unternommen. Dabei handelte es sich um eine Armbanduhr mit elektronischem Innenleben und innovativer Weltzeitindikation. Die Entwicklung und Fertigung oblag der Schaffhauser IWC.)

Wie würden Sie Ihre Mission umschreiben?

Wir wollen unsere Uhren stets anders machen, als der beste Mitwettberber am Markt. Auf diese Weise können wir Connaisseurs für Louis Vuitton begeistern.

2008 wurde in La Chaux-de-Fonds eine Uhrenproduktion für Louis Vuitton installiert. Warum wurde 2011 die La Fabrique du Temps von Louis Vuitton übernommen und die Uhrendivision von La Chaux-de-Fonds nach Genf verlagert?

Wir waren an einer vertikalen Industrialisierung interessiert, das heisst wir wollten alles an einem Ort konzentrieren, zudem wollten wir vom Genfer Siegel profitieren. Das Genfer Siegel (auch Genfer Punze, frz. Poinçon de Genève) ist eine gesetzlich geschützte Qualitäts- und Ursprungsbescheinigung für mechanische Uhren, die im Kanton Genf gebaut und reguliert werden. Die Punze wird, wie auch das C.O.S.C.-Zertifikat, von der Timelab-Stiftung vergeben.

Ursprünglich 1886 eingeführt, wurden die Bedingungen in den vergangenen Jahren ausgebaut und umfassen heute mehrere Kriterien, die einschließlich der Neuerung der Regeln ab 1. Juni 2012 zusammengefasst folgende Punkte betreffen:

  • Produktion, Zusammenbau und Regulierung des Uhrwerks finden ausschließlich auf dem Genfer Kantonsterritorium statt.
  • Höchste Qualität sämtlicher Bestandteile eines Uhrwerks
  • Sämtliche Stahlkanten, Schraubenköpfe und weitere, genau definierte Oberflächen müssen geschliffen oder poliert sein
  • Vorgeschriebene Rubinlager
  • Bestimmte Konstruktionsmerkmale bei der Mechanik, so ist beispielsweise die Verwendung von Drahtfedern verboten
  • Eine Ganggenauigkeit von unter einer Minute pro Tag über sieben Tage
  • Die Funktion des Kalenders vom 26. Februar an über sieben Tage
  • 24 Stunden Wasserdichtigkeit
  • 24 Stunden Gangreserve

Uhren, die diese Kriterien erfüllen und die entsprechende Prüfung bestehen, dürfen das Genfer Siegel, die Abbildung des Genfer Staatswappens, auf der Platine oder der Brücke des Uhrwerks führen. Alle Kriterien für das Genfer Siegel betreffen die Qualität der Herstellung und Verarbeitung einer Uhr, erst seit 2012 sind auch die Ganggenauigkeit, Gangreserve und Wasserdichtigkeit hinzugekommen.

Zusammengefasst: Strategische Ausrichtungen und Konzentration der Synergien waren der Grund für den Umzug nach Genf. Louis Vuitton positioniert sich mit den Uhren im Hochpreissegment. Genf ist hierzu der passende Standort.

In der Folge haben Sie dann auch noch ArteCad und Léman Cadran zwei Zifferblatthersteller übernommen, welche Absicht stand dahinter?

Im Rahmen der industriellen Vertikalisierung haben wir die Zifferblatthersteller ArteCad, Léman Cadran und einen Gehäusehersteller akquiriert um somit auch die Unabhängigkeit von Zulieferer Unternehmen zu erreichen.

Wird in der TOURBILLON Ausgabe Nr. 48, Winter 2016/17 fortgesetzt!

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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