Sonntag , 23. April 2017
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Sind Tourbillon’s noch zeitgemäss?

Lange Zeit wurde das Tourbillon kaum verstanden, heute wird es von Kennern als Königsdisziplin der Uhrmacherkunst geschätzt. Dies hat die Uhrenindustrie für sich zunutze gemacht.

Für die besten Uhrmacher der Welt gibt es nur wenige Worte, die grössere Faszination ausüben als das Tourbillon. Ein eleganter Begriff, und doch wird er der wohl grossartigsten aller Uhrenkomplikationen nur schwerlich gerecht. Obwohl die Erfindung  der filigranen Vorrichtung zum Ausgleichen der Schwerkraft bereits mehr als zwei Jahrhunderte zurückliegt, ist die Herstellung von Tourbillons auch heute noch Aufgabe von Meistern der Haute Horlogerie, die sie in mühevoller, manchmal monatelanger Kleinarbeit zusammensetzen.

Das Tourbillon wurde 1801 erfunden, als man Uhren aufrecht in der Tasche trug und die Schwerkraft so für Gangungenauigkeiten  sorgen konnte. Der Schweizer Abraham-Louis Breguet fand eine geniale Lösung für das Problem: Er baute Hemmung und Unruh in einen rotierenden Käfig ein. Während sich der Käfig des Tourbillons um 360 Grad dreht, liegt der Schwerpunkt der Unruh immer an einer anderen Stelle, sodass der Schwerkraftfehler ausgeglichen wird.

Der Begriff „Tourbillon“ stammt aus der Astronomie. In dieser Disziplin wurde der Begriff von den Kartesianern verwendet, um die Drehung von Planeten oder Sternen und ihres begleitenden Materials um die eigene Achse zu beschreiben.

Zu Beginn war das Tourbillon alles andere als ein Erfolg. Von 1805 bis zum Tode des Erfinders 1823 wurden lediglich 35 Stück verkauft, womöglich aufgrund der hohen technischen Komplexität. Die Funktion der Erfindung war höchst raffiniert, beinahe schon abstrakt, und dementsprechend schwierig war sie auch zu begreifen und gar zu reproduzieren.

Seltsamerweise ist diese Komplexität auch dafür verantwortlich, dass die Vorrichtung heute so beliebt ist, auch wenn sie seit dem Siegeszug der Armbanduhr Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr so notwendig ist. Warum, durch die immer unterschiedliche Bewegung am Handgelenk ist das Tourbillon in Armbanduhren jedoch eher als technische Spielerei zu sehen.  Für Taschenuhren, die üblicherweise in einer Lage getragen werden, gilt dies nicht.

Tourbillons sind nach wie vor faszinierende kinetische Kunstobjekte, deren Produktion kaum kniffliger sein könnte, nicht zuletzt betrachten die Hersteller diese kleinen Meisterwerke als Königsdisziplin der Uhrmacherkunst.

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Das PP Tourbillon Ref. 3939H mit rückwärtigem Tourbillon

Ein Tourbillon ist normalerweise an der Vorderseite eines Zeitmessers zu sehen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen, wie zum Beispiel bei der Patek Philippe, wo sich das Tourbillon auf der Rückseite der Uhr befindet. Es wiegt in der Regel weniger als ein Gramm und besteht aus über 40 Teilen, die aus leichtem Metall wie Titan und Aliminium herstellt werden.

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Das halbfliegende Tourbillon von Kiu Tai-Yu aus dem Jahre 1963

Zwar gab es rund um die Erfindung im Laufe der Zeit auch moderne Innovationen, wie etwas das bi-axiale Tourbillon von Anthony Randall aus der Jahre 1977 oder das halbfliegende Tourbillon von Kiu Tai-Yu aus dem Jahr 1963 (Kiu Tai-Yu, Ehrenmitglied des AHCI, wurde 2016 in Shanghai  für sein aussergewöhnliches Lebenswerk von Karl Heinz Nuber, Präsident der AOT,mit dem „ART OF TOURBILLON“ Lifetime Achievement Award gewürdigt), doch nach wie vor besteht die Anziehungskraft der  Vorrichtung in erster Linie in ihrer Zeitlosigkeit, in dem Gefühl, das Zeitalter der Aufklärung am Handgelenk tragen zu können.

Fast alle Luxusuhrenhersteller bieten mittlerweile Tourbillonuhren an. Das Tourbillon ist, obwohl dessen Effekt auf die Genauigkeit bei Armbanduhren begrenzt ist, dennoch sehr beliebt. Seine hohe Komplexität eignet sich als Herausstellungsmerkmal. Ein Tourbillon weist sowohl seinen Träger als auch den Hersteller als Kenner der wahren Uhrmacherkunst aus, der grossen Wert auf Details legt, selbst wenn diese nicht unbedingt notwendig sind. Echten Uhrliebhabern fällt es schwer, sich nicht in diese tickenden kleinen Meisterwerke zu verlieben.

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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