Montag , 14. Oktober 2019
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Luxusartikel: mieten statt kaufen

Im Trial Store von Globus können Modeartikel von Luxuslabels ausgeliehen statt gekauft werden. In Zukunft dürften solche Angebote zunehmen. Luxus auf Zeit ist im Trend.

Ein teurer Wintermantel von Boss, eine Luxushandtasche von Marc Jacobs – wer sich das nicht leisten kann, hat bei Globus nun die Möglichkeit, Luxusartikel zu mieten statt zu kaufen. Im sogenannten Trial Store bezahlt der Kunde für 100 Tage ein Viertel des tatsächlichen Warenpreises.

Beim Wintermantel von Boss wären das bei einem Vollpreis von 849 Franken noch 212 Franken. Wird das Produkt nicht zurückgeschickt, werden nach Ablauf der 100 Tage die restlichen 75 Prozent des Betrags in Rechnung gestellt.

«Der Trial Store ist ein Testprojekt, das wir kürzlich gestartet haben», sagt Globus-Sprecherin Marcela Palek zu 20 Minuten. Da die Zukunft des Projekts noch völlig offen sei, will die Warenhaus-Kette derzeit keine weiteren Aussagen zum neuen Angebot machen. Laut der Website erhält der Kunde bei Bestellung ausschliesslich neue Ware. Was mit den retournierten Artikeln passiert, ist auf der Website nicht klar ersichtlich.

Leihen ist nicht immer günstiger

Wie 20 Minuten aber von Insidern weiss, wird der Grossteil der Ware nach der Testperiode von den Kunden gekauft. Zurückgeschickte Artikel landen derzeit im Globus-Outlet. Werden die Artikel defekt retourniert, fallen für den Kunden keine weiteren Kosten an.

Wie ein Preisvergleich zeigt, fahren Konsumenten in manchen Fällen allerdings günstiger, wenn sie die Artikel statt im Trial Store direkt im Globus kaufen.

Der Grund: Im Globus gibt es oft Rabatte, von denen man im Trial Store nicht profitiert, wenn man ein Produkt nach 100 Tagen definitiv kauft. Ein Beispiel-Ensemble mit Kleid, Mantel, Tasche und Schmuck kostet nach 100 Tagen rund 350 Franken mehr, als wenn man es direkt im Globus gekauft hätte.

Sharing erobert die Konsumwelt

Sharing-Modelle haben sich in den letzten Jahren auf fast alle Bereiche des Konsums ausgeweitet. Erst vor kurzem kündigte der Möbelriese Ikea an, in der Schweiz bald auch Möbel zu vermieten.

Auch Uhrenportale bieten unkompliziertes und sicheres Uhren-Leasing von Luxusuhren an. Das Start-up Eleven-James hat sich darauf spezialisiert, teure Uhren gegen eine jährliche Gebühr zu vermieten, wie CNBC berichtet.

Der Vorteil: Mieter können alle zwei Monate mit einer neuen Uhr angeben: Mit einer Audemars Piguet, einer Patek Philipp, Cartier, Jaeger LeCoultre. Startup-Gründer Randy Brandoff sagte gegenüber CNBC, die Reichen von heute sind schlauer, was ihre Ausgaben betrifft. Mieten sei manchmal günstiger als besitzen.

Zum Beispiel: Anstatt sogar 50’000 Franken für eine Luxusuhr auszugeben, können man für rund 8’700 Franken im Jahr drei solcher Uhren haben.
Klingt nach wahnsinnig viel Geld? Brandoff hat die Gewohnheiten der Reichen genau studieren können. Er war früher CEO von Netjet, dem Business-Jet-Vermieter.

 

«Die Konsumenten überlegen sich immer mehr, welche Dinge sie effektiv noch besitzen müssen», sagt Zukunftsforscherin Marta Kwiatkowski Schenk vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI). Nachhaltigkeit sei für viele Konsumenten ein zunehmend wichtiges Thema. «Wir werden also in Zukunft sicher noch mehr solche Leihmodelle antreffen», so Kwiatkowski Schenk.

Nachhaltiges Angebot oder Schuldenfalle?

«Mieten ist das neue Kaufen», sagt auch Marketingexperte Felix Murbach. Ein Grund dafür sieht er im zunehmenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Des Weiteren sei der Trend zur Miete auch wegen Social Media nicht mehr aufzuhalten. In den sozialen Medien wollen sich angehende Influencer laut Murbach ins beste Licht rücken. Da kommt ein Dienst, der ihnen den vorübergehenden Besitz einer Luxushandtasche trotz tiefem Budget ermöglicht, sehr gelegen. Ist das Video für die neuste Instagram-Story gedreht, wird der Artikel einfach wieder zurückgeschickt und ein neuer bestellt.

Können Jugendliche dadurch in die Schuldenfalle geraten? «Ein Viertel des Kaufpreises für die Miete zu bezahlen, ist doch recht happig», findet Schuldenberater Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung zum Angebot von Globus. Das Verschuldungsrisiko schätzt er dennoch als klein ein, solange es nicht um allzu teure Sachen gehe.

Netflix für Kleider

Beim Kleiderverleih dürft es in Zukunft laut Kwiatkowski Schenk nicht bleiben: Laut der Trendforscherin könnte sich die Modebranche bald ein Vorbild an Streamingdiensten wie Spotify oder Netflix nehmen.

«Ein Netflix für Kleider wäre durchaus denkbar», sagt sie zu 20 Minuten. «Der Nutzer bekommt seine Garderobe im Abonnement angeboten: Basics werden wie Sockenabos regelmässig geliefert, andere Teile je nach Geschmack und Saison befristet angeboten.»

Und natürlich würde die dahinter liegende künstliche Intelligenz den Geschmack der Kunden immer besser kennen und ihn vielleicht auch ab und an mit einem mutigen Teil überraschen.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.