Montag , 14. Oktober 2019
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Niki Lauda: eine Rolex für seinen Lebensretter

Heute verstarb die österreichische Formel-1-Legende Niki Lauda im Alter von 70 Jahren im Züricher Universitätsspital Kantonspital. Seine Familie teilt jetzt in einem Statement mit: «Er ist im Kreise seiner engsten Familie in der Universitätsklinik in Zürich friedlich eingeschlafen. In den letzten 10 Monaten waren wir jede Minute an seiner Seite. Wir haben mit ihm gelacht, geweint, gehofft und gelitten, aber schlussendlich verliessen Niki gestern seine Kräfte.» 

Berühmtheit erlangte der Rennsportler und Unternehmer nicht nur durch seine drei Weltmeistertitel, sondern vor allem auch durch seinen schweren Unfall auf dem Nürburgring am 1. August 1976. Damals wurde Lauda von seinem italienischen Formel-1-Konkurrenten Arturo Merzario aus dem brennenden Wagen gerettet. Zum Dank erhielt Merzario von Lauda eine goldene Rolex. Chronos hat Merzario vor einiger Zeit getroffen und sich die Geschichte aus dessen ganz persönlichem Blickwinkel erzählen lassen. Es ist eine Geschichte von Mut und Entschlossenheit, aber auch von einer großen Enttäuschung.

Sie zählen zu den dramatischsten Bildern, die auf Film gebannt wurden: Am 1. August 1976 verunglückte Niki Lauda auf der Nordschleife des Nürburgring, zwischen der Passage des Adenauer Ortsteils Breidscheid und dem Bergwerk. Nach dem Einschlag in die Böschung mit rund 220 Kilometern pro Stunde ging der Ferrari 312T2 in Flammen auf, knapp 200 Liter Benzin entfachten ein Inferno. Die Fahrerkollegen Brett Lunger, Harald Ertl und Guy Edwards versuchten verzweifelt, den Österreicher aus dem Cockpit zu ziehen.

Doch ihre Anstrengungen blieben vergebens. Sich durch die Flammen kämpfen und den klemmenden Sicherheitsgurt, der Lauda an den Wagen fesselte, öffnen, konnte erst Arturo Merzario. Der Italiener, der angehalten hatte und zum Wrack geeilt war, befreite ihn. Er zog seinen Kameraden gemeinsam mit Ertl aus dem Fahrzeug und leistete Erste Hilfe. Dass das Drama überhaupt dokumentiert ist, ist einem französischen Fan zu verdanken, der die Szenen auf Super-8-Film bannte.

Lauda schrie unter dem Helm

Das Fernsehen hatte keine Kamera an der Unfallstelle, die Bilder gingen erst einige Tage später um die Welt. 36 Jahre später erinnert sich Merzario im gemeinsamen Interview mit Lauda an die dramatischen Momente: „Als ich zum Auto lief, hörte ich Nikis Schreie. Du warst leicht wie eine Feder. Dann habe ich dein Herz massiert und beatmet, bis der Krankenwagen kam“, sagt er in Richtung des dreifachen Weltmeisters. Merzario rettete Laudas Leben, um das die Ärzte noch eine Weile kämpften.

Viel schwerer als die Verbrennungen wog die Vergiftung, die sich Lauda mit dem Einatmen des Qualms zugezogen hatte. Er fiel ins Koma, erhielt die letzte Ölung. Doch er erholte sich und war nur 41 Tage später in Monza wieder an der Strecke – um ein Formel-1-Rennen zu bestreiten. „Ich kam am Donnerstag an. Riesentheater. Überall Fotografen. Tausende Tifosi. Ich musste von einem Medizincheck zum anderen. Um sechs Uhr abends das Okay: Du kannst fahren“, erinnert sich Lauda.

Die Angst kam in Monza zurück

Doch einfach ins Auto setzen als wäre nichts gewesen – das war nicht möglich. „Ich also Freitag das erste Mal wieder raus auf die Strecke, schalte in den zweiten Gang. In dem Moment habe ich beinahe in die Hose geschissen. Angst. Ich konnte nicht weiterfahren“, schildert Lauda. Merzario wirft ein: „Und wir dachten, Lauda ist fertig, zwei Runden, Getriebeprobleme.“ Doch weit gefehlt, er riss sich zusammen und fuhr im Rennen auf Rang vier, um die WM später mit einem Punkt an James Hunt zu verlieren.

Sein kurzes Einknicken erklärt Lauda 36 Jahre später so: „Der Druck. Druck. Druck. Der Unfall kam zurück. Ich bin sofort ins Hotel zum Nachdenken. Kann ich’s? Schaff ich’s? Und plötzlich mach ich mir vor Angst fast in die Hose! Ich, der Lauda. Das war mein Problem. Dazu der ganze Rummel.“ Dabei vergaß er, sich bei seinem Lebensretter zu bedanken. Der hat ihm längst verziehen, damals war er aber sauer: „Also, für mich und aus Sicht vieler Fans war Niki damals ein Arsch…“, sagt Merzario.

Eine Rolex zum Dank

Lauda bezeichnet es inzwischen als „großen Fehler“ und „dumm“, erst spät eine Geste in Richtung des Italieners gezeigt zu haben. „Ich hätte als allererstes zu dir gehen sollen und sagen, verdammt noch mal, danke“, räumt der heute 63-Jährige ein. Merzario hat ihm längst verziehen, erinnert sich aber an die Situation in Monza 1976: „Versetze dich in meine Lage: Ich ziehe dich aus dem Feuer und du sagst nicht mal danke. Du hast mich nicht mal beachtet. Und ich dachte damals nur: Leck‘ mich doch am Arsch.“

 

Die damalige Rennfahrergeneration beschreibt Lauda als Egozentriker, keine Freunde – weil man sich in diesen Tagen nicht hätte vermenschlichen oder Gefühle zeigen dürfen. Die Piloten hätten ihren eigenen Weg zu gehen gehabt. Lauda bedankte sich doch noch, eine Woche später in Salzburg. Zum Dank schenkte er ihm die Rolex-Uhr, die er für seine Pole-Position in Monte Carlo erhalten hatte. „Es hat mich zuerst nicht interessiert, weil ich noch sauer war“, weiß Merzario, der das Präsent bis heute aufbewahrt.

Merzario würde die 100 gerne voll machen

Die Lebenswege der beiden kreuzten sich noch einige Male, etwa als Lauda als Kapitän seiner Airline nach Havanna flog und dort zufällig Merzario traf – gemeinsame Zigarren im Nachtklub folgten. Der 1. August 1976 auf dem Nürburgring hat beide kaum tiefgründiger gemacht, wenn es um das Leben und den Tod geht. „Ich denke in 30 Jahren darüber nach, weil ich mit 100 Jahren und 1 Tag sterbe. So wie meine Oma. Wir haben eine Party zu ihrem 100. gefeiert, in der Nacht ist sie gestorben“, erklärt Merzario.

Eine Gemeinsamkeit haben sich Lebensretter und Geretteter bewahrt: Beide sind für ihre charakteristische Kopfbedeckung bekannte. Während Lauda die rote Sponsorenkappe trägt, ist Merzarios Markenzeichen der Cowboy-Hut von Marlboro: „Ich verdiene damit keine Million wie der Niki, aber einen Kaffee zahlt mir Philipp Morris immer noch“, schmunzelt der Lebemann aus der Lombardei.

Arturo Merzario, Niki Lauda

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.