Freitag , 23. Juni 2017
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Richemont kommt nicht zur Ruhe: vier Uhrenchefs müssen den Hut nehmen

Der Luxusgüterkonzern reagiert damit auf die Krise bei den Schweizer Luxusuhren. Die neuen Namen sind teils schon bekannt.

Der im vergangenen Herbst lancierte Umbau des Richemont-Konzerns ist in vollem Gang. Nur wenige Tage nach dem hauseigenen Uhrensalon in Genf müssen die Chefs der Uhrenmarken Jaeger-LeCoultre (Daniel Riedo), Piaget (Philippe Leopold-Metzger) und Vacheron Constantin (Juan-Carlos Torres) sowie der CEO von Alfred Dunhill (Fabrizio Cardinali) in den kommenden Wochen abtreten.

Die Namen der Nachfolger sind gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg teilweise bereits bekannt. Andrew Maag, bislang beim britischen Modehaus Burberry zuständig für Europa, die Golfstaaten, Indien und Afrika, übernimmt die Leitung von Alfred Dunhill.

Der Noch-CEO von IWC und künftige Uhrenchef von Richemont, Georges Kern, wird interimistisch bei Piaget einspringen.

Letztes Jahr übernahm Cyrille Vigneron die CEO Position der Richemont Marke Cartier. Er fiel auf durch einen radikalen Kurs, – Personalentlassungen, Rückkauf von unverkauften Uhren und Fokussierung auf preiswerte Uhren bestimmten seinen Weg. Wie lange Vigneron – er stiess vor einem Jahr von der LVMH Japan zu Cartier – diesen Weg schadlos beschreiten kann, sei dahin gestellt. Er trat das Erbe von Stanislas de Quercize an, der wegen eines Burnouts nach einem Jahr erfolgloser Arbeit bei Cartier zurücktrat um die Leitung von Richemont France zu übernehmen. Stanislas de Quercize trat damals die Nachfolge von Bernard Fornas an.

Daniel Riedo
Daniel Riedo, Jaeger-LeCoultre-Direktor

Der Personalbestand wurde auch bei zum Richemont-Konzen gehörenden Uhrenhersteller Jaeger-LeCoultre klar reduziert. „Wir zählen nun rund 120 bis 150 Angestellte weniger als noch vor drei Jahren“, erklärte der scheidende Direktor Daniel Riedo dem „tick-talk.ch“ Blog. Während die internationalen Teams leicht ausgebaut wurden, sei das Personal in der Herstellung reduziert worden. Beim Stellenabbau habe das Unternehmen wegen der hohen Zahl an Temporärangestellten keinen Sozialplan benötigt. Bezüglich der Fertigung mache sich ein schnellerer Lebenszyklus der Produkte bemerkbar, sagte der Jaeger-LeCoultre-Direktor. So habe die wichtige asiatische Kundschaft lange Zeit auffällige Produkte bevorzugt, heute würden aber nüchterne Produkte bevorzugt.

Richemont bestätigt gegenüber «tick-talk.ch» die Chefwechsel. «Die Neubesetzungen, die heute intern mitgeteilt wurden, stehen im Zusammenhang mit einer längerfristigen Nachfolgeplanung, die im November 2016 angekündigt wurde. Einige Markenchefs möchten sich vom Geschäft zurückziehen, andere ziehen es vor, sich neuen Beschäftigungen zu widmen. Auch die generelle Neuorientierung des Konzerns spielt dabei eine Rolle», lautet die offizielle Stellungsnahme von Richemont.

Eiserne Hand von Präsident Rupert

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass Johan Rupert, der starke Mann hinter Richemont, mit eiserner Hand auf die weiterhin durchzogenen Zahlen bei seinen Uhren reagiert hat. Bei den jüngsten Quartalszahlen war der Bereich Schmuck der Treiber für die Rückkehr zum Umsatzwachstum. Die Uhren wiesen weiterhin eine negative Entwicklung auf.

In einem Meeting mit Investoren im November meinte Rupert „ich sehe in unserem Board zuviele grauhaarige französische Manager, wir haben auch einige Frauen, mir fehlt jedoch die Vielfalt“.

Richemont ist indes nicht die einzige Gesellschaft im Luxusgüterbereich, die mit neuen Chefs auf einen Aufschwung hoffen. Bereits vor drei Wochen hat auch der französische Luxusgütergigant LVMH  bei einer seiner Marken durchgegriffen. Uhrenchef Jean-Claude Biver setzte bei Zenith den Chef ab und nahm vorübergehend die Leitung in die eigene Hand.

Schwache Jahre für Schweizer Uhren

Die Schweizer Uhrenindustrie ist in den vergangenen zwei Jahren unter Druck geraten. In China ist der Umsatz wegen den Antikorruptionsbemühungen gesunken, in der Sonderverwaltungszone Hongkong haben die Protestbewegungen gegen China einheimische Touristen von den üblichen Einkaufsreisen abgehalten.

In den USA kamen die Uhrenverkäufe weniger auf Touren als erhofft und in Europa vergraulten die Terroranschläge die Touristen.

Gemäss den jüngst publizierten Zahlen des Uhrenverbands FHS wurden 2016 10% weniger Schweizer Uhren, bei den Luxusuhren sind es 15% weniger Uhren, ins Ausland importiert als ein Jahr zuvor. 2015 hatte das Minus noch im einstelligen Bereich gelegen.

Konzernumbau im November lanciert

Richemont hatte deshalb im vergangenen November einen massiven Konzernumbau angekündigt. Der bisherige CEO des Unternehmens, Richard Lepeu, verlässt mit Ablauf des Geschäftsjahrs 2016/17 Ende März Richemont und wird nicht ersetzt.

An seine Stelle setzt Rupert zwei Divisionenleiter: Georges Kern, bisheriger Chef bei IWC, wird neu verantwortlich für Uhren, Marketing und Online, Montblanc-CEO Jérôme Lambert übernimmt alle übrigen Divisionen.

Womöglich wollte Rupert seinen zwei Jungstars, die sich seit Jahren im Konzern hochgearbeitet haben, eine Ausgangslage ohne Altlasten offerieren.

Kern war am Genfer Uhrensalon in einem Mediengespräch noch gefragt worden, ob er als künftiger Uhrenchef Handlungsbedarf bei einzelnen Marken sehe. Seine Antwort damals lautete vielsagend, es gebe nur einen starken Mann bei Richemont, der durchgreife.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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