Donnerstag , 17. August 2017
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Schlechte Nachrichten aus der Schuhmanufaktur Kandahar

topelementCharlie Chaplin trug sie und auch Herbert von Karajan. Die Firma Kandahar stellt die legendären Fellschuhe immer noch in aufwendiger Handarbeit her. Doch die Zeiten haben sich geändert, Kandahar liess die Nostalgie-Kollektion vor 11 Jahren aufleben und blieb selbst stehen.

800 Franken kostet ein Paar Stiefel der Serie Celebrity, deren Vorläufer in den 50er- und 60er-Jahren die gesamte Prominenz in St. Moritz trug:  die mit dem Reissverschluss in der Mitte zum Curling, die mit der hohen Schnürung beim Gin Tonic.

Allesamt aus Kuhfell, Ross oder Seehund gefertigt, mit Schaffell gefüttert und einer speziellen Korkzwischensohle ausgestattet, die auch bei Minusgraden prächtig isoliert. Man muss keine alten Bilder sehen, sondern hat ihn quasi vor dem inneren Auge: Herbert von Karajan, wie er in Seehundstiefeletten mit Gattin Eliette (sie trug damals gern eine runde, weisse Angoramütze, die einer Schneekugel ähnelte) um den St. Moritzer See schreitet.

Vor elf Jahren haben die von Allmens die legendäre Serie wieder aufleben lassen, und seitdem geht in Gwatt die Post ab. «Es läuft sehr gut», sagt Manuel von Allmen, ein Enkel des Firmengründers, leicht untertreibend. Vor allem die Verkäufe in St. Moritz und Gstaad nähmen ständig zu, und die Schuhe werden bis nach Skandinavien und Russland verschickt. Aber auch unter den Zürcher Urbanisten gibts etliche, die auf Kandahars schwören. «Leben könnten wir von der Nostalgielinie nicht», sagt Dieter von Allmen, inzwischen über 60, Noch-Firmenchef und Vater der drei Söhne, die alle im Familienbetrieb schaffen. «Aber sie macht ein Drittel unseres gesamten Umsatzes aus und ist fürs Marketing Gold wert.»

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Brav, bieder, konservation, der Auftritt in den Print Medien. Es fehlt Sex Appeal und must have.

Die Farben sind heute mutiger als in den 50ern – es gibt auch Neongelb –, aber der Leist, also die Passform, ist noch fast derselbe, «nur etwas breiter», sagt von Allmen, «denn die Menschen werden grösser und die Füsse ganz allgemein breiter». Zwei Drittel des Umsatzes werden in Gwatt mit Wanderschuhen, Golfschuhen, Halbschuhen und vermehrt auch Sommerschuhen gemacht.

Für die Herstellung eines Celebrity Stiefels etwa sind rund 200 einzelne Arbeitsschritte nötig. Die Näherinnen «büezen» die Fellteile auf den robusten Pfaff-Nähmaschinen zuerst aneinander, (das geht hier nicht im Akkord, weil jeder Schuh ein Unikat ist), dann werden die Kanten verjüngt, damit später ja keine Naht drückt. Anschliessend wird das Lammfellfutter mit Leim von Hand eingeklebt, die Ferse manuell eingesetzt, dass sie richtig sitzt; und so weiter und so fort. Man begreift, was hier warum so viel kostet. Jeder Schuh hat seine eigene Nummer, auf dass seine Geschichte bis zum Verkauf hin nachvollziehbar ist.

Stiefel aus Seehundfell sind dann gleich nochmals doppelt so teuer, 2000 Franken. Seehund? Robbenbabys? Von Allmen verzieht das Gesicht; er kennt die Frage und findet sie etwas mühsam: «Wir kaufen die Felle auf dem Markt im Norden Kanadas direkt von den Inuit; die sind froh, dass sie ihre überschüssigen Felle überhaupt loswerden. Zudem verwenden wir nur Felle von erwachsenen Tieren.» Wieso überhaupt Seehund? «Weil das Fell besonders warm ist, schliesslich ist der Seehund für die Arktis ausgerüstet», sagt er. «Aber das Wesentliche steckt im Haar selber, es ist unglaublich elastisch und knickt weniger als Ross- oder Kuhhaar.» Punkto Correctness merkt er noch an, dass es sich bei den Ross- und Kuhfellen um Abfälle aus der Fleischproduktion handelt.

Etwas macht jedoch Manuel von Allmen zu schaffen, auf die Natur, die immer wärmer werdenden Winter, die er leider nicht beeinflussen kann. Deshalb vermeldet die Schweizerische Nischen-Schuhmanufaktur 2015 einen Umsatzeinbruch von 50 Prozent so der Geschäftsführer Manuel von Almen, der bisher für den Verkauf und das Personal bei Kandahar verantwortlich zeichnete. Von 15 000 Paar Schuhen halbierte sich der Verkauf auf 7 500 Paar Schuhe.  Das liege an den immer wärmeren Winter so von Allmen. Achtzig Prozent der Winterschuhe wurden im Winter verkauft.

Anstatt den Export in Länder anzukurbeln, die immer noch strengere Winter haben, setzt von Allmen auf die Vogelstrauss-Politik und findet immer einen Schuldigen, das liebe Geld, das nie da ist, wenn man es braucht. Swiss Made wäre in diesen Ländern ein starkes Argument.

maxresdefaultNeben dem Standardprogramm von Ski-und Apres-Ski Schuhen wurde ein Drummer Schuh für Schlagzeuger entwickelt, der jedoch auch nicht reüssieren konnte. Ein Durchbruch lässt warten.

Anstatt sich einen trendigen italienischen Schuhdesigner mit Namen und Renomee ins Haus zu holen, um die konservativen Schuh-Kollektion aufzupeppen und das Winter Schuhprogramm auf stylische Apres-Ski und Wanderschuhe auszudehnen, will der jugendliche von Almen mit einem Start up, ein Immobilienverwaltungsprogramm, Kandahar querfinanzieren. Ich finde, dies ist der völlig falsche Weg. Ich bin überzeugt der Markenname Kandahar hat grosses Potential, Potential das man finanzieren muss. Doch Geld für solche Investitionen ist bei Kandahar nicht vorhanden.  Kandahar ist für mich ein klassischer Übernahmekandidat, der mit einer Diversifikation sprich Lizenzen viel Geld machen könnte.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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