Mittwoch , 19. Dezember 2018
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Gucci-Filiale: Der Kering-Konzern spart durch den Sitz im Tessin enorme Steuersummen. Foto: Getty Images

Erneutes Steuerverfahren gegen Gucci, für Kering wird es unangenehm

Die Luxusmarke macht einen grossen Teil ihrer Gewinne im Tessin – mithilfe von Scheinmanagern. Nun ermittelt Italien erneut.

Gegen den italienischen Modekonzern Gucci – Teil des Luxuskonzerns Kering – wird wohl ein Verfahren wegen Steuervergehen eröffnet, wie «The Fashion Law» berichtet. Der Vorwurf: Gucci habe über seine Firmen im Tessin unrechtmässig Steuern gespart. Es geht um rund 1 Milliarde Dollar.

Zu Jahresbeginn stürmte eine ganze Truppe der italienischen Steuerfahndung Guardia di Finanza die ­Hauptquartiere der Luxusmarke Gucci in Mailand und Florenz. Dazu gleich noch die Privatwohnungen von drei Topmanagern an Mailands bester Lage. In den Durchsuchungsbefehlen der italienischen Staatsanwaltschaft steht, Gucci-Manager hätten Einkommen nicht deklariert, die sie aus der Schweiz erhalten hätten. Danach wurde das Verfahren auf Eis gelegt.

Da war die Welt noch in Ordnung: Maro Bizzarri, President und CEO von Gucci, Schauspielerin Selma Hayek-Pinault und Pinaults Ehefrau, François-Henri Pinault Chairman & CEO of Kering

Nun wird erneut ermittelt. Gegen den Luxuskonzern laufen inzwischen ausgedehnte Ermittlungen in Mailand wegen Steuerhinterziehung. Laut der ­italienischen Presse geht es um 1,3 Milliarden Euro. Dokumente der Staatsanwaltschaft in Mailand zeigen nun, dass die mutmasslich nicht deklarierten Gelder aus der Schweiz eine zentrale Rolle spielen. Je nach Ausgang des Verfahrens müssen sich am Schluss sogar die Schweizer Behörden mit dem Fall Gucci befassen.

Was also ist hier genau passiert? Guccis Mutterhaus, der französische Mode- und Luxusgüterkonzern Kering, unterhält in der Tessiner Gemeinde Cadempino eine Firma. Diese besitzt die wertvollen Gucci-Markenrechte und wickelt den gesamten Verkauf und Versand der Luxusgüter in die Welt ab. Das Ganze ist so eingerichtet, dass ein grosser Teil des Gewinns, den Gucci weltweit erzielt, bei ­dieser kleinen Gesellschaft in der steuergünstigen Schweiz anfällt. Und das, obwohl die Handtaschen und Stöckelschuhe vor allem in Italien hergestellt werden. Im Tessin arbeiten nur 600 Personen. Das ist nur jeder Zwanzigste der weltweit 11’500 Gucci-Angestellten.

Solche Konstrukte sind nach internationalen Regeln dennoch erlaubt – solange die Ableger im Tessin auch tatsächlich von der Schweiz aus geführt werden. Daran haben die italienischen Staatsanwälte jedoch Zweifel. In ihren Akten liegt ein riesiger Stapel Dokumente, die belegen sollen, dass bis zu zwanzig Topmanager nur zum Schein im Tessin angestellt waren, tatsächlich aber bei Gucci in Mailand und Florenz ­arbeiteten.

Arbeitsort ist die Schweiz, das Büro in Mailand

TickTalk.ch liegen die Dokumente, E-Mails und ­Verträge vor. Sie gelangten zunächst ans französische Internetportal Mediapart, das sie mit dem Recherchenetzwerk EIC auswertete. In den Ermittlungsakten finden sich zum Beispiel die Büropläne der Gucci-Zentralen in Mailand und Florenz. Dort sind die Hauptarbeitsplätze samt zugehöriger Sekretariate von wichtigen Managern eingetragen, die eigentlich im Tessin sitzen müssten.

Der Name eines hohen Tessiner Marketingmanagers zum Beispiel steht auf einem Schreibtisch in einem Eckbüro mit 38 Quadratmetern, das sich in der ersten Etage der Mailänder Zentrale befindet. Um ihn herum ist gemäss dem Büroplan seine ganze Abteilung platziert. Auch einer der wichtigsten Schweizer Verkaufsmanager hat sein Büro dort, zusammen mit seinem ganzen Stab.

Interne Mails belegen, dass die Sekretärinnen Konferenzen und Sitzungen mit diesen Managern stets kurzfristig in Mailand anberaumten. Doch offiziell haben beide Männer ihren Arbeitsort im Tessin, angeblich zusammen mit ihren ganzen Abteilungen.

Besonders der Büroplatz des Verkaufsmanagers von Gucci in Mailand machte die Fahnder stutzig – immerhin soll ja der gesamte Verkauf von Gucci-Produkten vom Tessin aus laufen. Die Büros und Privatwohnungen dieser ­beiden Manager gehören zu jenen, welche die Guardia di Finanza ­inzwischen durchsuchte.

Könnte es sein, dass die Manager trotzdem regelmässig im achtzig Kilometer entfernten Tessin waren und die Schweizer Firma ­zumindest teilweise von dort aus leiteten? Immerhin hat Gucci viele von ihnen extra ausgerüstet mit Schweizer Handynummern und Tessiner Autokennzeichen.

Ein Licht auf diese Frage wirft der Fall eines Spitzenmanagers einer der Tessiner Firmen, der vor einigen Jahren die gesamte Gucci-Zulieferkette leitete. Er hatte zwar damals einen Arbeitsvertrag mit der Schweizer Firma, in dem steht: «Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Cadempino (Schweiz).»

Doch in einem Schreiben an den Kanton Tessin liess der Manager ausrichten, er sei nur «sehr selten» in der Schweiz. Den bei weitem wichtigsten Teil seiner Arbeit verrichte er «ausserhalb des Schweizer Territoriums». Er sei dort, wo die Gucci-Produktion stattfinde – in Italien eben. Sein Wohnort sei immer Florenz gewesen, wo er zusammen mit seiner Partnerin und seinen beiden Söhnen lebe. Der Manager wollte mit dem Schreiben an den Kanton eine Steuervergünstigung für sich im Tessin herausholen.

Bereits im Januar zeigte Tick-Talk auf, wie Gucci und Kering dank einem raffinierten Steuerkonstrukt nur minimale Steuern bezahlte. Damals ging es um den Lohn in Höhe von 8 Millionen Franken für Gucci-Chef Marco Bizzarri.

Im schlimmsten Fall würde es fürs Tessin teuer

Sollte sich herausstellen, dass Kering und Gucci durch die ständige Präsenz ihrer Manager in Mailand und Florenz eine sogenannte Betriebsstätte in Italien unterhielten, würde es für die Luxusfirma ­heikel. Die Mailänder Staatsanwälte schreiben in ihrem Durchsuchungsbefehl, es gebe in Mailand eine «verborgene Betriebsstätte».

In diesem Fall müsste die Luxusfirma gemäss dem Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und Italien für den Gewinn dieser Betriebsstätte die Steuern in Italien statt in der Schweiz zahlen. Selbst der Bund müsste sich dann womöglich in einem so genannten Verständigungsverfahren mit dem Gucci-Fall befassen. Die Folgen eines solchen Verfahrens könnten namentlich für den Kanton Tessin sehr teuer werden. Nämlich dann, wenn Bern und Rom zum Ergebnis kommen, dass in der Schweiz bezahlte Steuern nach Italien fliessen müssen.

Ob die Indizien ausreichen, um Gucci beziehungsweise den Managern Gewinnverschiebungen oder Steuerdelikte nachzuweisen, ist offen. Die Ermittlungen der Mailänder werden wohl noch lange dauern. Die Staatsanwaltschaft äussert sich nicht zum Fall. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Grösster Verlierer in diesem Steurerroulette ist Italien, Heimat der Marke Gucci.

Guccis Mutterkonzern, die ­Kering-Gruppe, sagt auch nach mehrfachen Anfragen nichts zum Arbeitsort der Manager. «Die Gruppe zahlt Steuern in der Schweiz, in Übereinstimmung mit dem Gesetz», schreibt Kering nur. «Der Steuerstatus der Firmen sowie seine steuerliche Situation ist den Behörden in der Schweiz, Italien und Frankreich bekannt.»

Fakt ist, dass der Konzern dank dem Tessin enorme Steuersummen spart. Wenn Gucci und Kering alle Vorteile ausschöpfen, müssen sie nur für Produkte, die sie in der Schweiz verkaufen, die volle Gewinnsteuer zahlen. Doch das ist nur ein kleiner Bruchteil aller Luxusgüter, die vom Tessin aus verkauft werden. Der Löwenanteil geht ins Ausland. Darauf müssen Gucci und Kering nach Schweizer Recht nur stark verminderte ­Abgaben zahlen.

Je nach Kanton kann die Gewinnsteuer so bis unter 10 Prozent fallen. Zum Vergleich: In Italien wären Gewinnsteuern von 31 Prozent fällig. Der Nettogewinn von Kering, zu dem auch Marken wie Yves Saint Laurent oder Puma gehören, betrug im vergangenen Jahr fast 1,8 Milliarden Euro. Der grösste Teil davon kam von Gucci. Die Luxusfirma sparte also wohl Hunderte Millionen Euro.

Ebenfalls zu den Gewinnern gehört der Kanton Tessin, der dank seines Steuerregimes neben ­Gucci und Kering auch zahlreiche andere Modelabels anlocken konnte. 2014 schrieb der Kanton, die ­Modebranche sei mittlerweile der wichtigste Steuerzahler. Doch es gibt auch Verlierer in diesem Steurerroulette – allen voran Italien, Heimat der Marke Gucci.

 

 

 

 

 

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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