Freitag , 23. Juni 2017
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Elmar Mock: "Ich bin stolz auf meine Creaholic, wo wir über 50 Mitarbeiter beschäftigen"

Swatch Tüftler Elmar Mock könnte Erfinder des Jahres werden

Anfang der 80-er Jahre hat Elmar Mock (63) die Swatch erfunden. Heute wurde er für den Europäischen Erfinderpreis nominiert. Mit TICK-Talk spricht er über seine Zukunftspläne, das iPhone und die Smartwatch.

Herr Mock, Sie sind für den Europäischen Erfinderpreis nominiert. Worauf sind Sie am meisten stolz?

Ich bin seit 37 Jahren Erfinder, habe unter anderem die Patentbox bei Swatch aufgebaut. Insgesamt habe ich 178 Patente für unterschiedlichste Branchen registriert. Eine Antwort kann ich Ihnen darum nicht geben. Das ist, als ob man eine Mutter fragt, auf welches Kind sie am meisten stolz ist.

Swatch revolutionierte die Uhrenherstellung – Erfinder Elmar Mock (Switzerland) nominiert für den Europäischen Erfinderpreis. (Copyright: Europäisches Patentamt)

Herr Mock, Sie haben die Swatch mitentwickelt und in Biel die Ideenfabrik Creaholic gegründet. Was braucht es, um kreativ zu sein?

Elmar Mock: In einer Firma spielt das Umfeld eine wichtige Rolle: Es braucht Offenheit und viel Freiheit. Und der Einzelne muss Freude daran haben, neue Entdeckungen zu machen. Nötig ist auch die Fähigkeit, verschiedene Elemente zu kombinieren. Bei Creaholic erfinden wir nichts fundamental Neues. Wir setzen eher bestehende Systeme und Techniken anders zusammen und erhalten dadurch neue Funktionen. Oder wir schlagen unseren Auftraggebern ein Produkt oder eine Dienstleistung vor, von denen die Konsumenten bisher gar nicht wussten, dass sie sie brauchen.

Und wie weiss man, was die Konsumenten brauchen könnten?

Eine glückliche Auster produziert keine Perle, ein Körnchen muss ihr zuerst lästigfallen. So ist das auch bei uns: Wir suchen das versteckte Problem und präsentieren dann eine Lösung. Was stört den Kunden, was stört die Gesellschaft, was stört die Firma? Das sind die Fragen, die wir uns stellen. Oft haben sich die Betroffenen so an eine Schwierigkeit gewöhnt, dass sie glauben, es müsse so sein. Unsere innerste Motivation ist also nicht, etwas zu erfinden, sondern etwas Störendes aus der Welt zu schaffen.

Kann denn jeder ein Erfinder oder zumindest kreativ sein?

Wir Menschen sind per se kreative Wesen. Natürlich sind einige von uns begabter. Aber um neue Erfindungen zu lancieren, reicht es nicht, nur Freude am Entdecken zu haben. Kreativität, ohne die Fähigkeit, Ideen umzusetzen, bringt nichts. Bei Creaholic gibt es deshalb Leute, die vor allem technisch versiert sind. Das sind zum Beispiel Designer, Mathematiker, Physiker, Ingenieure. Schliesslich braucht es für den Erfolg auch eine unternehmerische Seele. Selten vereint eine Person alle diese drei Fähigkeiten in sich.

Und wo genau stehen Sie?

Bei den Kreativen. Aber es gab auch andere Phasen in meinem Leben.

Welche Fähigkeit stand im Vordergrund, als Sie 1980 die Swatch mitentwickelten?

Das war eine unglaubliche Erfahrung. Ich war damals sehr jung, erst 26, und die Schweizer Uhrenindustrie kämpfte ums Überleben. Zunächst fokussierte ich mich sehr auf das Technische. Dann musste ich einsehen, dass das fachliche Können allein nicht genügt. In diesem Moment wechselte ich wahrscheinlich vom technischen Virtuosen zum kreativen Kopf. Im darauf folgenden Prozess konnte ich weitere wertvolle Erfahrungen sammeln. Etwa, wie man ein Produkt platziert und wie ein Markt funktioniert.

Das ist die unternehmerische Seite. Woran liegt es denn, dass sich manche Erfindungen durchsetzen, andere nicht?

Glück spielt sicher eine Rolle. Aber auch das Gefühl dafür, was gefragt ist. Die Kunst der Kreativität besteht nicht darin, dem Kunden zu geben, was er heute will. Sondern ihm zu offerieren, was er übermorgen möchte. Ob man dieses Bedürfnis trifft, kann man zu Beginn kaum wissen. Man muss deshalb auch demütig sein.

Haben Sie sich schon mal total verschätzt?

Das kam vor. 1997 arbeiteten wir an der geografischen Positionierung übers Handy. Wir schafften es, Mobiltelefone so aufzurüsten, dass sie die eigene Position definieren konnten. Mit dem Verlag Kümmerly und Frey bildeten wir dann ein Start-up-Unternehmen, um die Position auf dem Telefon auch grafisch darzustellen – zehn Jahre vor Apple. Doch im Jahr 2000 kam es zur Telekom-Krise, und Kümmerly und Frey ging in Konkurs. Das Projekt starb. Wir waren einfach zu früh. Es gab noch kein iPhone. Wir hatten nur die Applikation.

Elmar Mock (Switzerland), ist für den Europäischen Erfinderpreis 2017 in der Kategorie Lebenswerk nominiert

Gibt es bestimmte Zeiten, in denen eine Erfindung reif ist, sie also fast automatisch kommen muss?

Es gibt sicher Zeitfenster, in welchen der Markt bereit ist für ein Produkt. Aber dann muss dieses Produkt auch noch erfunden werden. Das passiert nicht von alleine. Es ist wie mit der Empfängnis bei den Tieren: In einer bestimmten Phase sind die Weibchen läufig. Aber wenn es kein Männchen hat, dann werden sie nicht trächtig. Beides muss zusammenspielen.

Trotzdem: Wenn Einstein die Relativitätstheorie nicht erfunden hätte, dann wäre vielleicht ein anderer darauf gekommen.

Ich glaube, es braucht gewisse Persönlichkeiten, damit sich Ideen durchsetzen. Das Beispiel Einstein ist komplex: Die Wissenschaftler, die Neues entdecken, steigen stets auf die Schultern ihrer Vorgänger. Deshalb wäre vermutlich auch ein anderer nach einer gewissen Zeit auf dieselben Gedanken gekommen. Anders ist es bei Produkten – oder in der Natur. Es hätte jeweils viele andere Varianten geben können.

Dann war etwa das iPhone keine zwingende Erfindung?

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Computertechnik und Telefonie irgendwann verbinden, war hoch. Aber ohne Steve Jobs hätte das Produkt vielleicht ganz anders ausgesehen und andere Funktionen gehabt.

Glauben Sie an den Erfolg der Smartwatch?

In Zukunft werden Produkte miteinander kommunizieren. Ich weiss nicht, ob das Modell von Apple oder Samsung richtig ist. Aber ich glaube, dass die meisten Menschen künftig mehr als nur eine normale Uhr am Handgelenk tragen wollen.

Wie wichtig ist denn die einzelne Person im Gesamtkontext?

Nehmen Sie das Beispiel Swatch. Ohne meinen damaligen Chef bei der ETA, Ernst Thomke, wäre sie wahrscheinlich nie entstanden. Er nahm das Risiko in Kauf, diese Uhr zu entwickeln. Dazu kamen aber viele weitere Parameter wie der richtige Vorschlag von Jacques Müller und mir zur richtigen Zeit. Fünf Jahre später wäre die Geburt der Swatch nicht mehr möglich gewesen, weil die Schweizer Uhrenindustrie schon am Boden gelegen hätte. Die Summe der Zufälle macht es aus, dass eine erfolgreiche Erfindung entsteht.

Ist es für einen Erfinder wichtig, dass seine Leistung respektiert wird – oder genügt das eigene Wissen um das Verdienst?

Viele Erfinder haben ein starkes Ego. Sie sind extrem empfindlich auf Ungerechtigkeit. Wenn sie Frust erleben, kann das ihre kreative Fähigkeit bremsen. Es gibt wohl deutlich mehr kreative Menschen als in der Öffentlichkeit auftreten. Vielleicht wurden sie früher in der Schule wegen einer Zeichnung oder einer ungewöhnlichen Idee ausgelacht. Nun haben sie Hemmungen. Eine minimale Anerkennung ist also sehr wichtig.

Elmar Mock, Inhaber der Creaholic

Sie haben als Miterfinder der Swatch ebenfalls wenig Anerkennung erfahren.

Ich war nicht der Einzige hinter der Swatch. Aber ja, ich wurde ungerecht behandelt. Und ja, ich war am Anfang beleidigt. Die Öffentlichkeit wusste nicht, wer wirklich hinter der Swatch steht. Branchenintern erhielt ich aber die nötige Anerkennung. Mein Name stand ja auf allen Patenten. Und ohne die Erfahrungen, die ich bei Swatch gesammelt hatte, hätte ich Creaholic nicht gründen können.

Haben Sie deshalb der Uhrenindustrie den Rücken gekehrt? Weil Sie beleidigt waren, dass sich Nicolas Hayek als Swatch-Erfinder feiern liess?

Ich war ein Anarchist und glücklich in den Zeiten der Krise, des Chaos. Mit dem Erfolg der Swatch kamen neue Strukturen. Wir hatten weniger Freiheit, es gab kaum mehr Möglichkeiten, kreativ zu sein. Ich konnte nicht akzeptieren, dass das in einem grossen Unternehmen normal ist. Deshalb bin ich gegangen. Und ich dachte damals, die Welt warte auf mich. Das war aber nicht der Fall.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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