Freitag , 23. Juni 2017
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Thierry Nataf: der Meister der Selbst-Inszenierung

Ein Blick zurück: 2000 bis 2010 war das Jahrzehnt der flamboyanten Direktoren in der Uhrenindustrie. Mit der Krise im Jahr 2009 ging die Epoche, in der sich die Chefs von Uhrenfirmen selbst als Stars inszenierten, zu Ende. Carlos Dias bei der Luxus-Manufaktur Roger Dubuis, Thomas van der Kallen bei Ebel und Thierry Nataf verschwanden von der Bildfläche der Uhrenszene.

Der begnadete Selbstdarsteller Thierry Nataf, der vor seiner Zeit bei Zenith für die Champagner-Marke Veuve Cliquot (gehört auch zur LVMH Gruppe) als Vizepräsident tätig war, hatte seit 2001 versucht, die zuvor bescheiden auftretende Marke zu einem rasch wechselnden Fashion-Item zu transformieren.

Für den LVMH-Statthalter war Zenith von Anbeginn wie ein Diamant. „Ein Rohdimant, um es genau zu sagen. Einer, der noch einen Schliff benötigt, um zum Brillanten zu werden“. Dabei spielte der prestigeträchtige Manufakturcharakter natürlich eine entscheidende Rolle. Zum Geist einer richtigen Manufaktur gehörte nach Auffassung Natafs „nicht Masse, sondern das Betreben, die perfekte Uhr herzustellen“. Deshalb schweigte sich der ausgesprochen polyglotte Franzose, der sich in  nicht weniger als acht Sprachen ausdrücken kann, über Stückzahlvorgaben und Umsatzerwartungen beharrlich aus. Ebenso über den interessanten Aspekt, ob, wann und in welcher Grössenordnung die Zahl jener schätzungsweise 66 000 Zeitmesser überschritten werden soll, welche Zenith vor dem LVMH-Engagement Produzierte. Zu diesem Zeitpunkt fertigte Zenith jährlich 36 000 El-Primero Exemplare mit den Bezeichnungen 4xxx und dazu die Automatik-Familie Elite 6xxx.

Ungeachtet dessen wollte der damals 40-Jährige mit seiner gründlich restrukturierten und deutlich aufgewerteten Kollektion unter anderem Emotionen hervorrufen. «Uns geht es gegenwärtig in erster Linie um eine hohe Qualität, innen wie aussen, sowie Authentizität. Letztlich möchten wir unter Einbeziehung eines hohen Anteils an Handarbeit durchweg einmalige Stücke schaffen, Uhren zum Weitergeben an die Kinder und Enkel», setzt der Chef der Manufaktur in Le Locle die mittelfristigen Ziele. Einher ging mit dieser Forderung die Anpassung der Preise. Der Durchschnitts-Verkaufspreis dürfte heute nahe bei 10 000 Fr. liegen; bei Natafs Amtsantritt war er um die 7000-Fr.-Marke gependelt.

Vor allem die bekannte deutsche Uhren-Journaille – allen voran Gisbert Brunner und Alexander Linz – frass ihm kritiklos aus der Hand und jubelte ihn hoch. Auch die Schweizer Uhrenjournalisten wie Daniel Hug, Timm Delfs und Markus Köchli liessen sich von ihm instrumentalisieren, ohne dass es ihnen bewusst wurde. Der weltweit bis ins kleinste Detail inszenierte Medienzirkus endet jedoch als PR-Seifenblase, die ziemlich rasch platzte.

Denn Thierry Nataf schaffte es nicht, eine kohärente Botschaft für die Marke zu entwickeln: Bald setzte er auf martialisches Aussehen seiner überdimensionierten Zeitmesser, bald auf florale Verspieltheit, dann wieder auf klassische Haute Horlogerie und zuletzt auf Retro-Modelle. Preislich versuchte der Spross einer venezianischen Unternehmerfamilie, die ehemals günstigen Zenith-Uhren auf Augenhöhe mit den teuersten Marken zu positionieren, und überholte dabei sogar Traditionsmarken wie Rolex: Ein Chrono-Modell mit dem 1969 entwickelten Uhrwerk El Primero wurde in der einfachen Stahlversion für 13 600 Fr. angeboten.

Die Rechnung ist für den Besitzer von Zenith, den weltgrössten Luxuskonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH), in Paris, offenbar nicht mehr aufgegangen: Im ersten Quartal musste die Uhren- und Schmucksparte einen Umsatzeinbruch von 41% auf 154 Mio. € hinnehmen, was zur Hauptsache auf die Marken TAG Heuer und Zenith zurückzuführen sein dürfte.

Im April 2009 wurde Thierry Nataf als Chef von Zenith abgesetzt und musste die LVMH-Gruppe verlassen.

Ich traf ihn vor einem halben Jahr zufällig in der Zürcher Bahnhofstrasse. Heute ist Thierry Nataf Präsident & CEO der The Luxury Consulting Company in New York und berät unbedeutende Nischenmarken in der Schweizerischen Uhrenindustrie.

Ein perfekter Selbstdarsteller, der eines damals verwechselt hat, nicht er ist das Produkt
und der Star, sondern Zenith.

 

 

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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