Mittwoch , 13. Dezember 2017
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„Waterloo“ bei der Grenchner Uhren-Manufaktur Fortis

Die Fortis-Uhren schwebten jahrelang im All am Handgelenk russischer Kosmonauten – nun droht der Firma der Absturz.

Die Uhrenmanufaktur Fortis in Grenchen SO steht vor dem Aus. Sie befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten und hat die definitive Nachlassstundung beantragt.

Die Nachlassstundung wurde vom Zivilgericht Solothurn-Lebern am 20. November bewilligt, wie der neusten Ausgabe des «Schweizerischen Handelsamtsblatt» entnommen werden kann. Sie erstreckt sich über sechs Monate und dauert bis am 20. Mai 2018. Das Regionaljournal Aargau/Solothurn von SRF berichtete am Montag darüber.

Fortis Neuheiten 2017

Im Rahmen der Nachlassstundung kann mit den Gläubigern ein Nachlassvertrag ausgehandelt werden, um die rechtliche oder die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens vorläufig zu sichern. Während des Nachlassverfahrens sind weder Konkurs noch Betreibung auf Pfändung oder Pfandverwertung möglich.

Fortis war 1912 durch Walter Vogt in Grenchen gegründet worden. Das Unternehmen ist einer der wenigen Hersteller, die seit der Gründung durchgehend Uhren produzierten. 1926 ging bei Fortis die erste selbstaufziehende Armbanduhr in Serienproduktion.

Lange vor der Ära der Quarz- und Billiguhren lancierte Fortis 1969 die erste Armbanduhr aus Kunststoff. Mit einer Wasserdichtigkeit von 200 Metern und einem Gehäuse in sechs Farben war diese Taucheruhr ihrer Zeit voraus.

Fortis gilt derzeit als Spezialist für Flieger- und Weltraumuhren. Seit 1994 ist Fortis offizieller Ausrüster des Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrums. 1997 wurde das Modell «Official Cosmonauts Chronograph» auf der Raumstation Mir von den Kosmonauten getragen. Derzeit ist der Chronograph B-42 die offizielle Uhr der russischen Kosmonauten.

Maximilian Spitzy, Fortis CEO

Fortis Restrukturierung hat nicht gegriffen

Eine enorme Restrukturierung hat die Grenchner Firma Fortis erlebt. Der 2013 angeheuerte Chef Maximilian Spitzy aus Österreich sah sich nämlich bei seinem Amtsantritt mit einer verwässerten Marke konfrontiert, die Uhren zwischen 100 Fr. und 16 000 Fr. und eine Produktepalette von über 100 verschiedenen Modellen im Sortiment führte.

Bis Mitte 2015 hat Spitzy das Sortiment stark gestrafft und sich wieder vermehrt auf die eigentliche DNA der 1912 gegründeten Marke fokussiert. Auch die Produktion wurde temporär auf unter 10 000 Stück pro Jahr zurückgefahren und damit mehr als halbiert. Dafür fokussiert sich Fortis wiederum verstärkt auf seine früheren Kernmodelle bzw. auf die Bereiche Raumfahrt-, Flieger-, Taucher- oder Alarmuhren.

Wunderwaffe Andreas Bentele, Marketing & Sales Director bei Fortis Watch

Neben dem längere Zeit vernachlässigten Heimmarkt will sich Spitzy in Zukunft auch vermehrt der Erschliessung Chinas widmen. An diesbezüglicher Erfahrung fehlt es dem Branchen-Quereinsteiger nicht. Er hat vor seinem Amtsantritt über zehn Jahre in China gelebt und dort diverse Firmen gegründet. Spitzy rechnet nach den schwierigen Vorjahren für Fortis (dank einer angepassten Modellpalette, die seit langem auch wieder ganz klassische Uhren umfasst) 2015 mit einem Umsatzwachstum von 30%. Spitzy hatte einen hervorragenden Job gemacht.
Von 2015 bis heute war allgemein das Umsatzwachstum gebremst, mit dem hatte Fortis nicht gerechnet.
Dies konnte auch nicht der Deutsche Andreas Bentele, Marketing & Sales Direktor, der im September 2015 als Wunderwaffe zu Fortis Uhren stiess, verhindern. Für ihn waren nur die digitalen Medien von Interesse, er vernachlässigte die Print-Medien.

Übrigens Fortis Uhren werden in St. Gallen in der einzigen Watch Lounge Chronoart mit grossem Erfolg verkauft, so Hiob Calan. „Wir sind sehr zufrieden mit der Marke“, so Calan.

Wir bleiben am Ball!

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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