Dienstag , 15. Oktober 2019
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Uhrenfabriken öffnen ihre Türen und kassieren vom Kanton

Luxusmarken lancieren immer mehr touristische Angebote, Zenith entdeckt als Erster den Uhrentourismus und kassiert hierfür noch Geld vom Kanton. Hinter dieser Idee steckt wiederum kein geringerer als der an der Legionärskrankheit leidende nicht operative CEO der LVMH Uhrendivision (Hublot, TAG Heuer, Zenith) Jean-Claude Biver.

Uhrenfabriken sind kein geeigneter Ort für Touristen. Gäste sind eine zusätzliche Quelle von Staub und Schmutz: Und das ist schädlich für hochpräzise Teile. Zudem stören die neugierigen Besucher die Uhrmacher bei der Arbeit und könnten Betriebsgeheimnisse ausspähen. Und dennoch setzen Uhrenbauer nun verstärkt auf den Tourismus als mögliche Einnahmequelle.

Etwa Zenith in Le Locle NE. Ab sofort will die Luxusuhrenmarke Touristen aus der Schweiz und dem Ausland «tiefe Einblicke in die Produktion» gewähren und sie sogar mit den Uhrmachern sprechen lassen, wie Zenith-Chef Julien Tornare sagt. Eingebettet sind diese Möglichkeiten in einen begleiteten Rundgang durch die Fabrik, der zweieinhalb Stunden dauert. Auf 59 Stationen erfährt der Gast, wie eine Uhr hergestellt wird und wie die 153-jährige Firmengeschichte verlaufen ist.

Besuchstag für die Öffentlichkeit ist der Freitagmorgen. Die Anzahl Plätze ist auf 10 bis 12 pro Gruppe beschränkt. Das stellt sicher, dass die Hygienevorschriften eingehalten werden. Interessierte müssen sich vorgängig anmelden. Der Preis für eine Führung pro Person beträgt 40 Franken. Zenith gehört zum französischen Luxusgüterkonzern LVMH.

Geld vom Kanton Neuenburg

Der Parcours durch die Manufaktur ist eine direkte Zusammenarbeit zwischen Neuenburg Tourismus und der Uhrenmarke. Bisher halfen Tourismusbüros nur bei der Vermarktung der Produkte der Uhrenindustrie. Der Kanton Neuenburg und die Loterie Romande unterstützen das neue Projekt mit rund einer halben Million Franken. Neuenburg Tourismus bewirbt das neue Angebot auf Facebook und mit Werbespots auf Schweizer Radios. Zenith hat jetzt vor, in den wichtigen Märkten China und USA die Werbetrommel für den Besuch in der Manufaktur zu rühren – und damit auch für die Tourismusregion Neuenburger Jura.

Die Kooperation steht für eine neue Offenheit der Uhrenindustrie dem Tourismus gegenüber. Jura Drei-Seen-Land bestätigt: Die Zahl der touristischen Angebote aus der Schweizer Uhrenindustrie nimmt zu. Die Dachorganisation vereinigt die Tourismusbüros aus dem Kanton Jura, dem Berner Jura, der Regionen Biel-Seeland, Murtensee, Solothurn sowie Neuenburg. Als solche koordiniert Jura Drei-Seen-Land die Vermarktung der Ausflugsziele, die mit der Uhrenindustrie zu tun haben.

«Es ist vergessen gegangen, was wir unseren Kunden hier in der Schweiz bieten können.»

Julien Tornare, Zenith-Chef

Auch die Marke Omega, deren Mutterkonzern die Swatch Group ist, setzt auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus. Omega hat im vergangenen Herbst am Hauptsitz in der Uhrenstadt Biel die derzeit modernste Manufaktur eröffnet. Die Produktionsstätte steht Besuchern gegen vorherige Anmeldung offen, allerdings ist der Zutritt im Gegensatz zur Fabrik von Zenith eingeschränkt. Weiter hat Omega das firmeneigene Museum in Biel dem Publikum zugänglich gemacht. Es gibt inzwischen feste Öffnungszeiten.

Omega Costumer Service, Le Studio Meyer & Kangangi, Stefan Meyer, Alex Kangangi
www.meyerkangangi.com

Bereits etablierte Ausflugsziele sind das Internationale Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds NE, die Uhrmacherstrasse und Seminare, bei denen Laien ihre eigenen Zeitmesser zusammenbauen können. «Die Marken haben sich bis jetzt zu sehr darauf konzentriert, in ihren wichtigen Märkten die Kunden mit Werbekampagnen und grossen Anlässen zu erreichen», sagt Zenith-Chef Tornare zum Sinneswandel. «Dabei ist vergessen gegangen, was wir unseren Kunden hier in der Schweiz bieten können, wenn sie uns an unseren Hauptsitzen besuchen.»

Neue Generation von Touristen

Die Herausforderung für die Touristiker ist, die ausgabefreudigen Reisegruppen aus Asien dazu zu bewegen, von den typischen Destinationen Zürich, Luzern und Interlaken fernzubleiben und in den Jurabogen zu kommen. Es gibt Hoffnung, da sich die Gewohnheiten ändern.

«Wir stellen eine aufkommende zweite Generation von Touristen aus Asien fest, die sich von den Eltern unterscheidet», sagt Yann Engel, Direktor von Neuenburg Tourismus. Für diese Feriengäste zwischen 25 und 40 Jahren sei eine in der Schweiz gekaufte Uhr kein reines Statussymbol mehr. «Sie interessieren sich für das Erbe des Produkts. Sie sind jung, reisen individuell, bewegen sich in den sozialen Medien und können sich auf Englisch verständigen», sagt Engel. An diese neue Zielgruppe richteten sich Angebote wie der Rundgang durch die Zenith-Fabrik.

Jura Drei-Seen-Land vermarktet die Uhrenindustrie in erster Linie in der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. Wie viele Touristen jährlich nur wegen der Uhrmacherkunst kommen, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Neuenburg Tourismus hat aber Hinweise darauf, wie beliebt diese Angebote sind. «Etwa ein Fünftel aller Zugriffe auf unserer Website verzeichnen wir im Themengebiet der Uhrmacherei», sagt Direktor Engel. Er gehe deshalb davon aus, dass die Uhrenindustrie längst kein touristisches Nischenprodukt mehr sei.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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