Dienstag , 19. September 2017
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Sicht auf das neue Fabrikationsgebaeude der Firma Rolex, am Dienstag 16. Oktober 2012, in Biel. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Uhrenindustrie: Zwischen Krise und Konsolidierung

Das oberste Segment der Uhrenindustrie befindet sich in einer Konsolidierungsphase: Die Manufakturen müssen wichtige Weichen für die Zukunft stellen – und bekennen sich dabei klar zum Standort Schweiz. Nach dem Neubau von Rolex in Biel plant Patek Philippe in Genf eine massive Erweiterung, die dem erwarteten Wachstum für die nächsten 20 Jahre gerecht werden soll. Und in Nyon hat Hublot nur sechs Jahre nach der Eröffnung der Manufaktur die Fläche verdoppelt und einen zweiten Neubau in Betrieb genommen. IWC Schaffhausen zieht auch mit einem Edel-Bau im Merishausertal. Soviel Optimismus wirkt verdächtig.

Die Exportzahlen des dritten Quartals 2015 der Uhrenindustrie sprechen jedoch eine andere Sprache: Es wurde der Tiefstwert des Krisenjahres 2009 erreicht. Wollen uns die PR-Verantwortlichen der Uhrenindustrie Sand in die Augen streuen?

Rolex Biel: Erweiterung und Reorganisation

Im Oktober 2012 wurde der imposante Neubau mit viel Prominenz eingeweiht. Damit konzentriert Rolex die Uhrwerksproduktion an einem Standort und modernisiert die Produktion. Das Gebäude, um das es geht, geizt nicht mit Superlativen, obwohl wegen der weltweiten Wirtschaftskrise von 2009 auf den ursprünglich geplanten Turm verzichtet wurde. Der Bau des Bieler Architekten Jan Gebert hat ein Volumen von 230 000 Kubikmetern, zusammen mit den überarbeiteten bestehenden Gebäuden umfasst der Standort nun ein Volumen von 400 000 Kubikmetern. Weder Rolex noch Gebert oder der Ingenieur Jean-Robert Murat verraten Zahlen zu den Baukosten, doch diese werden auf mehrere hundert Millionen Franken geschätzt. Gemäss Angaben von Rolex sind am Standort Biel mehr als 2000 Mitarbeiter tätig, darunter 60 Lehrlinge. Mit dem Neubau hat die Marke mit der Krone aber nicht bloss eine bauliche Erweiterung vorgenommen, sondern die gesamte Uhrwerksproduktion neu organisiert und rationalisiert. Schlüsselstück ist das mehrstöckige, vollautomatisierte Lagerhaltungssystem. Es umfasst mehr als 46 000 Lagerplätze und erlaubt die Beförderung aller für die Uhrwerke benötigten Teile über ein Förderbandsystem und 22 Zugangsstationen über das ganze Produktionsgebäude in die Werkstätten. Rolex nennt dies «die Manufaktur des 21. Jahrhunderts».

Patek Philippe Baukosten explodieren

Mitte Oktober 2015 feierte Patek Philippe mit 200 geladenen Gästen die Grundsteinlegung für das geplante neue Gebäude auf dem Firmenareal in Plan-les-Ouates. Die Gesamtfläche wird rund 110’000 Quadratmeter betragen. Von den sechs Obergeschossen und vier Untergeschossen ist die Hälfte für die Produktion vorgesehen. Der Neubau bietet ausserdem Platzreserven für das erwartete Wachstum von Patek Philippe am Standort Genf in den nächsten 20 bis 30 Jahren. Die Investitionen belaufen sich auf 500 Millionen Franken.

Der Uhrenhersteller Patek Philippe muss rund 50 Millionen mehr für seinen 450-Millionen-Neubau in Plan-les-Ouates GE aufwerfen als geplant. Beim Bau habe es «böse Überraschungen» gegeben, sagte Präsident Thierry Stern den Zeitungen «24 Heures» und «Tribune de Genève». «Die Geschäfte laufen auch nicht mehr so wie einmal», meint Thierry Stern.

Der Genfer Fabrikant mit einem Jahresausstoss von 57’000 Uhren bezahlt den Bau aus eigenen Mitteln, rief Stern in den Interviews in Erinnerung. Im Neubau soll die Forschung und Entwicklung intensiviert und so die Forschungsarbeiten des Lehrstuhls von Patek Philippe an der ETH Lausanne vollendet werden. Thierry Stern sagte weiter, die Geschäfte liefen harziger als auch schon, die Rentabilität sei aber sehr gut. Sein Unternehmen wolle nicht Produktionsrekorde schlagen sondern mit langem Atem vorangehen.

Hublot verströmt Zuversicht

Nur sechs Jahre nach der Eröffnung der Manufaktur in Nyon hat Hublot das zweite Gebäude eingeweiht und damit die Produktionsfläche in Nyon verdoppelt. Die Erweiterung hat Symbolcharakter, denn sie zeugt von der Entwicklung Hublots und dem sagenhaften Erfolg der Marke. Das vom Architekturbüro Coretra entworfene Gebäude misst rund 8000 Quadratmeter. Hublot plant, in den kommenden 5 Jahren mehr als 100 Arbeitsplätze zu schaffen und die Mitarbeiterzahl des Unternehmens in der Schweiz auf über 400 anzuheben.

Vor anderthalb Jahren wurde mit den Baumassnahmen begonnen und jetzt ist es soweit: Am 29. September weihten Jean-Claude Biver, Vorstandsvorsitzender von Hublot und President der Watch Division der LVMH Group und Ricardo Guadalupe, CEO von Hublot, die zweite grosse Produktionsstätte von Hublot ein.

Dreihundert Gäste aus der ganzen Welt, darunter Botschafter, VIP-Gäste, Markenfreunde und die Presse nahmen an der Veranstaltung teil. Auch Bar Refaeli, Lapo Elkann und Pelé, die Markenbotschafter von Hublot, waren angereist, um diesen Meilenstein der Marke zu feiern.

Sie nahmen an der Schlüsselübergabezeremonie vom ersten zum zweiten Gebäude teil. Die Zeremonie begann mit Pelé, gefolgt von einem „Tor“ von Michel Pont, das einen riesigen „Big Bang“ (dt. Urknall) auslöste. Dies wurde begleitet von einem spektakulären Auftritt von Bar Refaeli zwischen den Gebäuden H1 und H2 auf einem im Formel 1-Stil gehaltenen Verbindungsweg, wie man ihn überall auf der Welt auf den Grand-Prix-Rennstrecken findet.

Das Event markiert den Beginn einer Kampagne in den weltweit 73 Filialen zur Feier des 10-jährigen Jubiläums der ikonischen „Big Bang“-Uhrenkollektion.

Der Anbau hat herausragenden Symbolcharakter für die Schweizer Uhrenmarke. Er steht für deren Wachstum und Erfolg. 8.000 m2 Fläche, auf der Hublot in den nächsten 5 Jahren 100 Arbeitsstätten bauen wird! Damit wird das Unternehmen 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Schweiz beschäftigen. Das Unternehmen macht mit diesem Projekt eine Investition von 20 Millionen Schweizer Franken.

Die neue Einheit, die neben dem ersten Gebäude steht, dient vor allem zur Produktion von Bestandteilen für Uhrenwerke und von Armbanduhrgehäusen. Die Mikromechanik-Abteilung, alle CNC-Maschinen, die Werkstätten für Verzierung, Galvanotechnik, Mechanik und Reinigung, um nur einige Gebiete zu nennen, wurden im August zusammen mit dem Kundendienst und der Verwaltungsabteilung in den neuen Räumlichkeiten untergebracht.

IWC mit unfreiwilligem Baustopp

Auch bei der IWC wird expandiert, in Teilschritten. Das ursprüngliche 40-Millionen-Bauprojekt der IWC im Merishausertal wurde aufgrund der Konsequenzen der Schweizer Franken-Stärke gestoppt, so IWC CEO Georges Kern, und soll ab April 2016 weitergebaut werden. Das geplante Produktions- und Forschungszentrums gilt jetzt schon als Edel-Neubau im Merishausertal. Der Neubau ausserhalb der Stadt Schaffhausen müsse zum Luxus-Konzern passen, sagt IWC-CEO Georges Kern.

Der Spatenstich für den mit Baukosten von 40 Millionen Franken budgetierten Neubau, der 13000 Quadratmeter Produktionsfläche und 250 Arbeitsplätze bringt, hatte im Herbst 2014 stattgefunden. Ursprünglich vorgesehen war die Eröffnung des neuen Standortes  auf Oktober 2016.

IWC will am neuen Standort mit einem architektonisch futuristischen Neubau, der unter anderem dank einer 2000 Quadratmeter grossen Photovoltaikanlage auch eine autarke Energieversorgung des Industriebetriebs bringt, die Kapazitäten für die Herstellung zusätzlicher Uhrwerke (Kaliber) deutlich erhöhen. Bei Inbetriebnahme des Werks könnten zudem Abteilungen zusammengelegt werden.

Zudem wäre von der Grundstückgrösse her ein zusätzlicher Ausbau auf bis zu 400 Arbeitsplätze möglich. Nach Vollendung des neuen Gebäudes wird IWC die gesamte Gehäuse- und Kaliberfertigung sowie einen Grossteil der Kalibermontagen an den neuen Standort verlegen und zum Teil bisherige Produktionsstätte schliessen.

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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