Sonntag , 20. August 2017
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Was ist los mit Joseph Chevalier?

Pylon Festina Lotus_1326Ein Besuch am Sitz der H1 Festina Group Switzerland in der Rue Bubenberg 7 in Biel gibt Gewissheit, dass die von Miguel Rodriguez im Jahre 2003 akquirierte Marke Joseph Chevalier nun offiziell schubladisiert wurde. Auf dem Pylon mit den Marken Namen der H1, der vor dem  Geschäftshaus steht, wurde der Name Joseph Chevalier über Nacht gelöscht.

Obwohl mit Jean-Claude Schwarz, Vize-Präsident und CEO der H1 Festina Group Switzerland SA, der zwischenzeitlich Ende Mai 2013 pensioniert und durch Gérald Roden ersetzt wurde, ein Roll out der Marke für 2015 geplant wurde, hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Die Ursache liegt auch darin, dass das Copyright der mühsam von mir recherchierten Geschichte von Joseph Chevalier in meinen Händen ruht. Die damaligen Verhandlungen mit Jean-Claude Schwarz über die Übernahme des copyrights durch die H1 Festina Group führten nicht zum Erfolg, sodass jeder Roll out blockiert ist. Grund hierfür sei, so Jean-Claude Schwarz zu mir, dass Miguel Rogriguez beim Kauf der Marke aus der Konkursmasse von einem Berater über den Tisch gezogen wurde, auf gut Deutsch für die Marke wurde zuviel bezahlt, sodass eigentlich für den Erwerb des Copyrights kein vernünftiges Budget zur Verfügung steht. Für Gérald Roden, der andere Prioritäten hatte – er war einfach konfrontiert mit verschiedenen Baustellen – stand der Roll out von Joseph Chevalier nicht auf seiner Prioritätenliste.

Für diejenigen Leser unter Ihnen, die die Marke Joseph Chevalier nicht kennen, hier die  Odysee des Genfer Uhrmachermeisters Joseph Chevalier. Ich persönlich sehe nach wie vor ein grosses Potential in der Marke.

Die Schweizer Luxus-Uhrenmarke «Joseph Chevalier 1742» wurde im Jahre 2003 vom erfolgreichen spanischen Unternehmer Miguel Rodriguez (Festina-Lotus-Gruppe) übernommen. Zuvor suchte die Marke ihren Weg zwischen Massen- und Luxusgeschäft, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg.

Joseph Chevalier Tourbillon Rückseiteh1_joseph chevalier_tourbillon01

Auf der Weltmesse für Uhren und Schmuck in Basel im April 2003 hatte sich alles noch in strahlenden Farben präsentiert: Michael Harer setzte ganz auf die Genfer Uhrmacher-Tradition und hatte eigens die Marke «Joseph Chevalier 1742» neu belebt. Selbst die verwöhnte Schweizer Presse zeigte sich beeindruckt. Vor 272 Jahren, also 1742, hatte der Genfer Meister-Uhrmacher Chevalier mit der Produktion von mechanischen Zeitmessern begonnen. Die hochwertige Neuauflage aus dem Hause Harer umfasste neben Chronographen auch Taschenuhren und komplizierte Tourbillon-Werke. «Die Reaktion war positiv. Wir hatten in Basel gute Abschlüsse verzeichnet», betont Harer euphorisch.

Im Jahr 1997 war die väterliche Firma, die 1938 gegründete Schmuckwarengross-handlung Eugen Harer KG, in Konkurs gegangen. Für eine Fortsetzung des Geschäftsbetriebs gab es damals keine finanziell darstellbare Grundlage. Das markante Firmengebäude an der Pforzheimer Philippstrasse ist abgerissen und damit wurde eine reiche Unternehmer Geschichte begraben.

Michael Harer machte sich 1998 mit der aus der Konkursmasse seines Vaters hinterbliebenen Marke Chevalier selbstständig und gründete an der Gymnasiumstrasse die neue Uhrenfirma Michael Harer Uhren GmbH. Die damaligen Produkte waren mehrheitlich mit Quarzwerken ausgerüstet und wurden neben dem Fachhandel auch in grossen Warenhäusern angeboten. Ein kleiner Anteil der Kollektion verpflichtet sich der Mechanik und war mit Valjoux und AS Werken ausgestattet. Der Durchschnittspreis lag damals bei 450 Euro.

stammbaum Chevalier [Konvertiert]Der Name J. Chevalier war ursprünglich ein reines Phantasieprodukt Harers. Bis ein renommierter Schweizer Uhrenfachjournalist Michael Harer darauf aufmerksam machte, dass Joseph Chevalier im 18. Jahrhundert in Genf mit einem erfolgreichen Uhrmacheratelier wirklich existiert hatte. Die Geschichte des Uhrmachers Joseph Chevalier, Abkömmling einer grossen französischen Uhrmacherdynastie, Nicolas Chevallier (1586) aus De Blois, wurde mühsam recherchiert und in einem handlichen Büchlein niedergeschrieben. Damit war auch die Basis für einen  glaubwürdigen und authentischen Auftritt im Bereich der Haute Horlogerie gelegt. Die Königsklasse der Uhrmacherei musste natürlich finanziert werden.

Der Unternehmer Michael Harer hat mit grossem persönlichen Einsatz die Uhrenmarke Chevalier ins Rampenlicht gerückt. Die Resonanz war positiv, bis ihm das Geld ausging. Die Valarte Gruppe des Thurgauer  Financiers Rolf Hess, die auch den Uhrenhersteller Ikepod (Anmerkung d. Red.: zwischenzeitlich verkauft an die Investorengruppe Leman) übernommen hatte, wollte Chevalier übernehmen, den Markenaufbau finanzieren, um dann Chevalier gewinnbringend an die Börse zu bringen.  Hess konnte jedoch die zugesagten Mittel  für die Unterstützung beim Aufbau der Marke Chevalier auf Grund eigener finanzieller Schwierigkeiten nicht so schnell generieren, wie dies erforderlich war. Joseph Chevalier und die Mutterfirma Michael Harer Uhren GmbH wurden zahlungsunfähig und mussten im November 2003 Insolvenz beim Amtsgericht Pforzheim anmelden. Zehn Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Die Marke J. Chevalier fiel in die Konkursmasse. Der Mannheimer Rechtsanwalt Tobias Hoefer wurde zum Insolvenzverwalter eingesetzt.  Auch die in Zürich gegründete und später nach Chur verlagerte J. Chevalier Aktiengesellschaft wurde Anfang 2004 liquidiert. Dies obwohl genügend Bestellungen des Fachhandels vorlagen. Lediglich für die kontinuierliche Produktion und die Expansion in der Uhrmacher Königsklasse fehlte das Kapital. «An einem Fortführungskonzept werde gearbeitet. Er glaube weiterhin an den Erfolg der Marke», bilanzierte Harer damals euphorisch.

Ende 2003 führte Harer mehrere Sondierungsgespräche mit verschiedenen möglichen potentiellen Partnern. Seit Beginn 2004 ist die Marke Joseph Chevalier in der spanischen Festina-Lotus Gruppe des erfolgreichen selfmade Unternehmers Miguel Rodriguez, der in den sechziger Jahren begann, einen Uhrenkonzern analog der Swatch Group zu bauen. Zwischenzeitlich hat  er die Uhrenmarken Candino, Festina, Lotus, Jaguar und Calypso in seinen Konzern, der mit 350 Mitarbeitern und 4 Mio. produzierten Uhren einen jährlichen Umsatz von über 350 Mio. Euro generiert,  integriert.

«Mit der Chevalier Kollektion, deren Produkte sich zwischen 1´500 bis 5´000 Euro bewegen, haben wir unser Marken Portfolio im mittleren und oberen Feld abgesichert», so der Präsident der Festina Gruppe, der früher mehr durch Massenproduktion als durch Nischenprodukte aufgefallen ist. «Rodriguez war nicht mein Wunschpartner», so Harer, für den lediglich der Fortbestand seiner Marke Priorität hatte. Genauso unspektakulär fiel auch der Messeauftritt im April 2004 in Basel in der Halle 4.1 Stand A27 aus. Die Markenkommunikation erinnerte eher an einen verkrampften Relaunch als an die Präsentation einer ernst zu nehmende Marke mit weitreichendem historischen Hintergrund, die einst mit Selbstbewusstsein für kurze Zeit mit Tourbillons in der Haute Horlogerie, der Oberliga der Uhrmacherei, mitspielte. Auch die präsentierte Kollektion enthielt nichts Neues, lediglich Modifikationen, die nicht überzeugten, waren das Thema. «Eine Konsolidierung der Kollektion sei die Strategie», so Harer fast entschuldigend.

«Für die Händler in Hongkong waren die Produkte teuer, Händler aus Japan hingegen fanden unsere Produkte zu preiswert, immer ausgehend vom  Preis/-Leitungsverhältnis», zieht Michael Harer Bilanz seiner Messepräsenz im April 2004 in Basel.

Zwischenzeitlich ist Michael Harer aus dem Unternehmen ausgeschieden und die Marke Joseph Chevalier 1742 wurde in der H5 von Manuel Rodriguez parkiert. Unter diesem Dach der H5 in Biel findet man Highend Luxusmarken wie zum Beispiel L. Leroy, Perrelet, Berney-Blondeau and last but not least Joseph Chevalier. Dass Chevalier Zeitgeschichte schreibt, so wie dies der damalige Slogan der Werbekampagne weismachen will, ist ein bisschen hochgegriffen. Dass Chevalier immer eine gute Geschichte liefert, das könnte man jedoch so stehen lassen.

retouche chevalier 1Joseph Chevalier 1742
Joseph Chevalier entstammt der grossen Uhrmacherdynastie Nicolas Chevallier aus dem damaligen französischen Uhren-Epizentrum Blois im Loire Tal. Seine Eltern gingen als hugenottische Glaubensflüchtlinge ins Schweizerische Genf und nannten sich ab diesem Zeitpunkt Chevalier mit einem L geschrieben. Joseph folgte in die Fussstapfen seines Vaters und lernte Uhrmacher im Genfer Atelier seines Vaters. Er war nicht Erfinder der Spindelhemmung sondern machte sie populär. Seine Taschenuhren waren verspielt, Emailzifferblätter und Florales Design auf der Hauptplatine des Uhrwerks waren seine unverwechselbare Handschrift. Chevalier war jedoch ein sogenannter Anonymus, das heisst, er produzierte für namhafte Uhrmacher Taschen-Uhren ohne sie mit seinem eigenen Namen zu signieren, die Lorbeeren kassierten immer die Auftraggeber wie zum Beispiel Abraham-Louis Breguet, L. Leroy, Abraham-Louis Perrelet, Voltaire, Lepine, etc..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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