Donnerstag , 29. Juni 2017
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Austragungsort der Watches & Wonders 2015, Hong Kong Convention & Exhibition Centre

Watches & Wonders 2015 Hongkong: Bilanz mit schlechtem Marktumfeld

Sie gilt als wichtigste Uhrenmesse Asiens: die Watches & Wonders 2015 in Hongkong. Vom 30.9. bis zum 3.10.2015 zeigten die zwölf Luxusuhrenmarken des Richemont Konzerns hier nun im dritten Jahr ihre Neuheiten. Die Resonanz war jedoch verhalten.

Als Richemont vor ein paar Jahren beschloss, neben dem Genfer Uhrensalon in Asien eine weitere Ausstellung durchzuführen, war die geeignete Destination schnell gefunden. Hongkong ist nicht nur der wichtigste Exportmarkt der Schweizer Uhrenindustrie, sondern auch Türöffner für Festlandchina und andere asiatische Absatzmärkte. Im globalen Uhrenhandel nimmt die Hafenstadt, die keine Zölle erhebt, eine Drehscheibenfunktion ein. Doch für die diesjährige, zum dritten Mal durchgeführte Messe Watches & Wonders hätten sich die zwölf Richemont-Marken, die in den vergangenen Tagen eingeladenen Journalisten, Händlern und Endkunden ihre Neukreationen präsentierten, wohl ein besseres Marktumfeld gewünscht.

20 Prozent Nachfragerückgang

Infolge der Konjunkturabkühlung in China, der prodemokratischen Protestbewegung, des teuren Hongkong-Dollars sowie der Antikorruptionskampagne Pekings sind die Exporte der Schweizer Uhrenbranche nach Hongkong seit Jahresbeginn um 20% eingebrochen. Der Nachfragerückgang setze vor allem lokalen Händlern zu, erklärt Stanley Lau, Direktor der Uhrenmanufaktur Renley, die unter ihrem Dach auch drei Schweizer Marken vereint. Wie Lau, der auch Besitzer mehrerer Boutiquen ist, ausführt, hat sich das Vorgehen der chinesischen Regierung zur Eindämmung von Korruption vor allem auf die Nachfrage nach Uhren im Wert über 35 000 Fr. negativ auswirkt. Solche Preziosen hatten als begehrte Geschenke für Funktionäre und Geschäftsleute gegolten. Im Vergleich zum Höhepunkt hätten sich die Umsätze in diesem Preissegment etwa halbiert. Gleichzeitig sei auch der Tourismus aus Festlandchina geschrumpft. Die Chinesen steuerten dafür vermehrt Reiseziele wie Japan, die USA, Frankreich oder die Schweiz an. Und diejenigen Festlandchinesen, die sich gleichwohl für Hongkong entschieden, hätten eine bescheidenere Kaufkraft, sagt Lau. Er geht davon aus, dass sich am negativen Trend kurzfristig kaum etwas ändern wird und dass es bei den stark gewachsenen Händlergruppen und Boutiquen zur Flurbereinigung kommen wird. Auch die enorm hohen Mieten in Hongkong müssten wegen der schwierigen Lage sinken – ein Prozess der allerdings noch kaum eingesetzt hat. Noch drastischer ist die Situation in der nahe bei Hongkong gelegenen Sonderverwaltungszone Macau, deren Haupteinnahmequellen das Glücksspiel und der Tourismus sind. «Im Las Vegas des Ostens» sind sowohl die Verkäufe in den Uhrenboutiquen als auch die Einkünfte der Kasinos zum Erliegen gekommen. Vor der Antikorruptionskampagne hatten vor allem hohe Parteifunktionäre dem dortigen Glücksspiel gefrönt und Shoppingtouren in den zahlreichen Kasino-Läden durchgeführt.

Hohe Lagerbestände bremsen Wachstum

Trotz gesunkenen Absätzen beurteilen Lau und auch Thierry Dubois, Leiter des Hongkonger Büros des Schweizer Uhren-Verbands FH, die Antikorruptionskampagne positiv. Dies führe längerfristig zu einer gesünderen Wirtschaft. Doch kurzfristig wird der Nachfragerückgang in den Geschäftsabschlüssen vieler Uhrenhersteller eine Lücke reissen. Zum einen werden die Hongkonger Händler, die auf hohen Lagerbeständen sitzen, in naher Zukunft Bestellungen mit grosser Zurückhaltung tätigen. Zum anderen handelte es sich bei Hongkong bisher um einen margenträchtigen Markt. Gleichwohl relativiert Dubois die Situation und verweist auf das ungestüme Wachstums der Uhrenverkäufe in den vergangenen fünf Jahren.

Die CEOs der zwölf ausstellenden Richemont Marken
Die CEOs der Richemont Marken

Konsolidierung auf hohem Niveau

Auch die Chefs der an der Uhrenmesse vertretenen Nobelmarken sprechen mit Blick auf China von einer Stabilisierung auf hohem Niveau. Nicolas Bos, Leiter des Traditionshauses Van Cleef & Arpels, sieht als Schmuckhersteller in der jüngsten Entwicklung gar Vorteile. Der bisher vor allem männlich geprägte Luxusgütermarkt Chinas werde femininer, was sich positiv auf das Schmuckgeschäft auswirke. Gleichwohl nimmt man in der Haute Horlogerie das Wort Antikorruptionskampagne nicht gerne in den Mund. «Wir sprechen von Anti-Geschenke-Kampagne», präzisiert Philippe Léopold-Metzger von Piaget. Auch wenn der CEO lieber nach vorne und auf seine Neulancierungen blickt, dürfte der Einbruch bei der stark auf Asien ausgerichteten Marke Spuren hinterlassen haben. Wie andere Hersteller hat Piaget seine Uhren in Hongkong verbilligt und im Gegenzug im Euro-Raum verteuert, um die Preisunterschiede in den verschiedenen Märkten auszugleichen. Die jüngsten Währungsverschiebungen (Franken-Schock, Euro-, Yen-Schwäche, Abwertung des Renminbi und Dollar-Stärke) bilden für die Marken eine Herausforderung, auch weil man einen Graumarkt verhindern will. Da der Preis zusehends wichtiger wird, versucht beispielsweise Piaget, die Kundschaft mit erschwinglicheren Uhren und Schmuckstücken anzusprechen. Auch Georges Kern, Patron von IWC, zeigt sich überzeugt, dass eine vernünftige Preispolitik gefragt ist. Keine grossen Sorgen bereitet ihm hingegen die Lage in Hongkong und China. Er wagt die Prognose, dass der Uhrenmarkt in einigen Jahren weniger kompetitiv sein werde – weil einige Marken verschwinden dürften. Entspannt gibt sich auch Daniel Riedo, CEO von Jaeger-Le Coultre. Er stellt für das laufende Jahr eine Umsatzzunahme im einstelligen Prozentbereich in Aussicht und hat in den letzten Monaten im Vallée de Joux weiteres Personal angestellt. Auch in China verzeichnet die Marke seit sechs Monaten wieder Wachstum. Dies dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass sie dort zwar gut vertreten, aber nicht übermässig präsent ist. Ausserdem hat man vor einem Jahr rasch auf die damals beginnenden prodemokratischen Proteste reagiert und einen grossen Lageraufbau in Hongkong verhindert.

 

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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